Rentner legt sich mit Inkassofirmen an

+
Der Offenbacher Rentner gibt einfach nicht auf und will wissen, wer ihn da aufs Kreuz legen will.

Ein Offenbacher Rentner ist in den Dschungel von Internet-Abzocke und Inkassobüros geraten. Er wehrt sich tapfer - und kämpft gegen Windmühlen. Von Ralf Enders

Bei Willi Heckwolf sind die Abzocker an den Falschen geraten. Der Offenbacher Rentner (Name von der Redaktion geändert) gibt einfach nicht auf und will wissen, wer ihn da aufs Kreuz legen will. Er schreibt Widersprüche, legt sich mit dubiosen Inkasso-Unternehmen an, macht sich auf die Suche nach IP-Adressen (Internet-Protocol-Adressen) und lässt sich auch von eingestellten Betrugsverfahren nicht entmutigen.

Heckwolf sieht sich mit einer unberechtigten Forderung eines zwielichtigen Gewinnspielanbieters aus dem Internet konfrontiert. Im Februar haben wir den Fall des Rentners ausführlich beleuchtet - exemplarisch für die massenhafte Abzocke per Telefon oder Internet. Rückblende: Anfang Februar stellt Heckwolf fest, dass „Pay4-Lottowin24“ 4,99 Euro von seinem Konto abgebucht hat. Das Unternehmen verspricht seinen Kunden, monatlich 300 Gewinnspiele im Internet zu bündeln und für sie daran teilzu- nehmen. Heckwolf hat wenig Interesse an dem Gewinnspiel-Unsinn und versteht nicht, wie er in die Maschen von Lottowin24 geraten ist.

Er hat nämlich weder einen Computer noch einen Internetanschluss. Die Teilnahme an den Gewinnspielen und vor allem der Abschluss eines Vertrags sind jedoch nur mit E-Mail-Adresse möglich. Wie die Abbuchung auf dem Konto des Rentners zustande gekommen ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Sicher ist, dass Heckwolf sich richtig verhält und eine Rückbuchung vornehmen lässt.

Aus Enttäuschung wird später blanke Wut

Sein Kampfgeist aber ist geweckt. Über die Bundesnetzagentur versucht er, den Inhaber der angegebenen Telefonnummer ausfindig zu machen. Er gerät in einen undurchschaubaren Dschungel von Telekommunikations-, Gewinnspiel- und Werbeunternehmen; Firmensitze und Rechtsstand in den USA, 0180er Nummern, Adresshandel, zwielichtige Firmeninhaber, die in Blogkreisen verflucht werden, kurz: das ganze Abzock-Programm. Heckwolf wendet sich an die Polizei in Offenbach, erstattet Anzeige wegen Betrugs.

Doch am 15. April teilt ihm die Zweigstelle Offenbach der Staatsanwaltschaft Darmstadt mit, dass das Verfahren eingestellt wurde, „weil ein Täter nicht ermittelt werden konnte“. Weitere Nachforschungen würden derzeit keinen Erfolg versprechen, „sollten sich jedoch nachträglich Anhaltspunkte (...) ergeben, werden die Ermittlungen wieder aufgenommen“. Aus der Enttäuschung darüber wird gut zwei Wochen später blanke Wut: Am 4. Mai erhält Heckwolf ein Schreiben der ProInkasso GmbH aus Neu-Isenburg.

Zehn Prozent der Angeschriebenen bezahlen

Für ihren Mandanten Europe Payment Ltd. - das New Yorker Mutterunternehmen von Lottowin24 - fordert ProInkasso stolze 131,09 Euro. Und fährt schwere Geschütze auf: „Für den Fall der Nichtzahlung stehen unserer Mandantschaft folgende Möglichkeiten zur Verfügung: Mahnbescheid, Vollstreckungsbescheid, Zwangsvollstreckung durch den Gerichtsvollzieher, Pfändung Ihrer Bezüge, auch Arbeitslosengeld, Rente, Bankguthaben, Versicherungen usw. (...) eidesstattliche Versicherung, Eintragung in die entsprechenden Schuldnerverzeichnisse.“

Eine Umfrage von Verbraucherschützern hat ergeben, dass etwa zehn Prozent aller Angeschriebenen solche unberechtigten Forderungen bezahlen. Aus Angst, Unwissenheit oder Furcht vor neuem Ärger inklusive eines negativen Schufa-Eintrags. Ein satter Teil der Summe geht an das Inkassounternehmen. ProInkasso agierte bis Ende 2009 noch von Hanau aus und genießt bei Verbraucherschützern, Polizei, Justiz und in Internetforen von Geschädigten einen miserablen Ruf.

Zum Jahreswechsel musste ProInkasso Hanau verlassen: Aufgeschreckt von Medienberichten hat die Leitung des Technologie- und Existenzgründerzentrums (TGZ) im Stadtteil Wolfgang dem Unternehmen gekündigt. Firmen im TGZ werden nämlich von der Stadt Hanau mit Serviceleistungen und Mietzuschüssen subventioniert. Der Bundesverband der Inkassounternehmen distanziert sich deutlich von ProInkasso und hat die Firma bereits im Jahr 2005 rausgeschmissen. Das Unternehmen, „bekannt durch Rundfunk und TV“, treibt die Forderungen dutzender Abzock-Unternehmen ein.

Verflechtung und Verwirrung als Firmenprinzip

Begünstigter auf dem Überweisungsformular Heckwolfs ist die „abavu UG (haftungsbeschränkt) i.G.“. UG steht für Unternehmergesellschaft - eine Mini- oder 1-Euro-GmbH. Im Gegensatz zur großen Schwester muss das Stammkapital nicht 25.000, sondern nur 1 Euro betragen. Eine UG gilt als deutsche Konkurrenz zur englischen Limited (Ltd), die wegen des nicht nötigen Mindestkapitals in den vergangenen Jahren im In- und Ausland beliebt geworden ist. Andere ProInkasso-Geschädigte sollten an die „Rechtsanwaltskanzlei K. Strassburg“ zahlen. Kristina Straßburg ist bei der Rechtsanwaltskammer Frankfurt als Anwältin zugelassen und die Schwester des ProInkasso-Inhabers Stefan Straßburg aus Langenselbold.

Verflechtung und Verwirrung als Firmenprinzip also. Der Dschungel, in den Willi Heckwolf geraten ist, wird immer dichter. Der Rentner lässt sich nicht beeindrucken und zahlt nicht. Er legt Widerspruch ein und verlangt von dem Neu-Isenburger Unternehmen Angaben zum Hintergrund des Inkasso-Auftrags - was er bekommt, ist eine neue Zahlungsaufforderung. Die interessiert Heckwolf nicht. Er schreibt zurück; sinngemäß, dass man ihn mal gern haben könne und schließt: „Sämtliche Unterlagen wurden von mir an die zuständigen Behörden bei der Polizei weitergeleitet.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare