62-Jährige Drogenhändlerin aus Offenbach 

Rentnerin seit 40 Jahren Heroin abhängig

Offenbach -  Aus mehreren Gründen ist Helmgard Valerie Maria M. eine Kuriosität. Gegen die 62-jährige Offenbacherin verhängt das Landgericht Darmstadt gestern ein Urteil: Die Rentnerin ist nicht nur selbst abhängig, sie handelte auch mit Heroin. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Richter Marc Euler brummt ihr dreieinhalb Jahre Gefängnis auf, die Staatsanwaltschaft hatte sogar vier Jahre und neun Monate gefordert. Verteidiger Bernd Kroner behält sich die Möglichkeit der Revision vor. Er plädiert für eine bewährungsfähige Strafe, sieht alle Voraussetzungen für eine höhere Strafmilderung nach Paragraf 31 des Betäubungsmittelgesetzes für erfüllt.

Darin heißt es: Wer durch freiwillige Offenbarung seines Wissens wesentlich dazu beiträgt, die Tat über seinen eigenen Tatbeitrag hinaus aufzudecken, hat mit Milderung oder gar Absehen von Strafe zu rechnen. Genau das tat M. im März 2012 bei den Polizeibeamten vom Kommissariat 34. Eine regelrechte „Lebensbeichte“ legte sie ab, gab wesentlich mehr zu, als ihr jemals durch Telefonüberwachung und Zeugenaussagen hätte nachgewiesen werden können.

99-mal Drogen gekauft und verkauft

Innerhalb eines Jahres soll die Rentnerin in Frankfurt 99-mal zur Finanzierung ihrer eigenen Sucht und zum Lebensunterhalt jeweils 70 bis 100 Gramm Heroin erworben und gewinnbringend an drei verschiedene Abnehmer weiter verkauft haben. Das ergibt mindestens sieben Kilo; für diese Menge könnte sie auch locker sieben Jahre hinter Gitter gehen.

Doch M. entschließt sich, vor Gericht ihre Aussagen zu widerrufen und nur noch die Vermittlung von Drogengeschäften zuzugeben. Sie sei von der Polizei unter Druck gesetzt worden, habe Entzugserscheinungen gehabt, sei schlecht behandelt worden. Die als Zeugen erscheinenden Beamten teilt sie in Gut und Schlecht ein.

62-Jährige erleidet Schlaganfall in U-Haft

Überhaupt macht sie einen aufgeweckten und selbstbewussten Eindruck, ihren in der U-Haft erlittenen Schlaganfall hat sie trotz ihrer chronisch angeschlagenen Konstitution gut überstanden. Seit 40 Jahren ist M. heroinabhängig, seit 20 Jahren im Methadon-Substitutionsprogramm. Zwischenzeitlich lebte sie einige Jahre in Florida bei ihrem Ehemann, einem US-Amerikaner.

Für die 9. Strafkammer ist der Geständnis-Rückzieher alles andere als glaubhaft. Richter Euler: „In ihrer Wohnung wurden 64 Gramm Heroin, eine Feinwaage, vier Handys und 22 000 Euro Bargeld gefunden. Nichts anderes findet man bei einem Dealer.“ Zum Vergleich: Der Eigenbedarf M.s betrug zu jener Zeit 1,5 Gramm pro Tag. Euler wertet ihre Offenherzigkeit bei der Polizei als Taktik, sich der Haft zu entziehen – was allerdings schief gelaufen ist. Auch mit einer Anklage vor dem Landgericht habe sie nicht gerechnet.

Strafmildernd wirke sich neben ihrem Alter der Gesundheitszustand und ein leeres Vorstrafenregister aus. Die Verurteilte will nun endgültig die Finger vom Heroin lassen und mit Methadon ihre Ruhe finden.

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