Zum Respekt gehört Zeit

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Ute Kern-Müller ist als Bereichsleiterin der Caritas-Sozialstationen geradezu prädestiniert für menschliches Miteinander.

Offenbach - Selten denken wir im Alltag über ihn nach. Für manch einen ist er selbstverständlich, für andere etwas besonderes. Von Silke Gelhausen-Schüßler

An der Universität Hamburg gibt es sogar eine Gruppe von Wissenschaftlern, die seine Funktion in der Gesellschaft erforscht und Modelle entwickelt, wie man ihn verbessert. „Respekt ist das soziale Schmiermittel der Gesellschaft“, so nüchtern-technisch umschreibt Dr. Niels van Quaquebecke, Leiter der Respect Research Group, die Form der Rücksichtnahme.

In Offenbach forscht man nicht, man praktiziert. Und diese Woche ganz besonders. Die heißt genau gesagt „Woche des Respekts“ und wird vom Freiwilligenzentrum mit Unterstützung von 26 sozialen, kirchlichen, kommunalen und wirtschaftlichen Verbänden und Geschäftsleuten organisiert.

Dem Auftakt am Sonntag auf dem Wilhelmsplatz folgend findet am Montag im „Café und mehr für Senioren“ des Caritashauses St. Josef ein „Dialog der Generationen“ statt, zu dem Jung und Alt geladen sind. Das Generationenverhältnis der 17 Gesprächspartner ist sehr ausgeglichen. Frank Mach, Leiter der Offenbacher Einrichtung, übernimmt die Moderation und lässt Berührungsängsten keine Chance. Um den Dialog ins Rollen zu bringen, gibt er Hilfestellung. „Wo haben Sie schon mal Respekt erlebt?“, ist die erste Frage, bei der ein Tisch alle möglichen Kleingegenstände als Gedankenstützen trägt.

Gegenseitiger Respekt wichtig

Jeder sucht sich aus dem Haufen mit Spielsachen, Besteck, Taschentüchern und Krimskrams das für ihn Passende raus. Ute Kern-Müller hat sich eine Stehauf-Holzblume genommen. Als Bereichsleiterin der Caritas-Sozialstationen ist sie geradezu prädestiniert für menschliches Miteinander. Noch viel mehr als in anderen Berufen ging es bei ihr ohne gegenseitigen Respekt überhaupt nicht.

Die Blume erinnert sie an einen sehr uneinsichtigen Patienten, der regelmäßig die Schwester beschimpfte und die Insulinspritzen als Willkür ansah. Kern-Müller nahm sich eineinhalb Stunden Zeit und suchte den alten Herrn auf, sprach mit ihm und erfuhr seine Geschichte. Er erzählte von furchtbaren Kriegserlebnissen, denen er ausgeliefert war. Sie konnte klarstellen, das die Spritzen keine neuerliche Untergebenheit von ihm forderten, sondern im Gegenteil dazu beitrugen, dass er dadurch länger autark in den eigenen vier Wänden bleiben konnte. Der Herr verstand, hieß die Schwester fortan willkommen und schenkte ihr eine Blume.

Zeit ist überhaupt ein großes Thema. Respekt braucht oft Zeit, die im Alltag fehlt. Darin sind sich alle einig.

Internet als Portal Respektlosigkeit

Rentnerin Ingrid Zimermann, 69 Jahre und seit zehn Jahren Offenbacherin, zog von Sachsen in den Westen und hat neben guten Erfahrungen mit örtlichen Einrichtungen auch schlechte gemacht: „Ich werde von manchen Jugendlichen sehr respektlos behandelt, so etwas habe ich vorher noch nie erlebt.“

Das zweite Thema dreht sich um den Respekt innerhalb der Generationen. Hier können die vier Mädchen der Klasse 8a der Marienschule einiges berichten. Schüler werden abgestempelt, wenn sie keine Markenklamotten tragen, Mobbing ist in der Bildungseinrichtung längst angekommen. Als bequemes Portal für Respektlosigkeit macht das Internet Furore. Auf sozialen Netzwerken wie Facebook können über Pinnwände Hässlichkeiten gepostet werden. Damit wäre auch schon ein Thema für das kommende Jahr gefunden: „Respekt im Internet“.

Bei der Abschlussrunde kommt jeder noch einmal zu Wort und teilt mit, was er zusätzlich zur „Respekttüte“ der Caritas mit nach Hause trägt: „Ich habe vorher nicht darüber nach gedacht, Respekt vor der Natur zu haben.“ „Ich bin froh, da gewesen zu sein.“ Und: „Ich hoffe, dass der Dialog auch nach dieser Woche weitergeht.“ Ob das so ist, kann jeder täglich neu ausprobieren. An Anstößen dazu mangelt es zumindest nicht.

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