Strenge Auflagen

Restaurants in Zeiten von Corona: Abhängig von großzügigen Gästen

Fast wie immer: Auf dem Wilhelmsplatz sitzen am Freitag zahlreiche Gäste in den Außenbereichen der Lokale. 
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Fast wie immer: Auf dem Wilhelmsplatz sitzen am Freitag zahlreiche Gäste in den Außenbereichen der Lokale. 

Seit gestern dürfen die Lokale wieder öffnen. Wie berichtet, können die Gaststätten am Wilhelmsplatz auch ihre Außenflächen wieder für Besucher freigeben – allerdings unter strengen Auflagen. Wir haben dort einen Rundgang gemacht und den ersten Tag der Öffnung beobachtet. 

Offenbach – Um die Mittagszeit herrscht auf dem Wilhelmsplatz am Freitag reger Betrieb. Eine Vielzahl von Leuten bummelt mit Mundschutz über den Wochenmarkt, in den Außenbereichen der umgebenden Lokale sitzen wieder Menschen, trinken, essen, plaudern.

„Wir freuen uns so“, sagt eine ältere Dame, die mit vier Freundinnen auf der Terrasse des Markthauses Kaffee trinkt. „Wir fünf haben uns seit Januar nicht gesehen. Endlich ist das Eingesperrtsein vorbei!“ Gemessen daran, wie viele Menschen gestern um die Mittagszeit die frisch wiedereröffneten Wilhelmsplatz-Lokale besuchen, ist sie mit dieser Auffassung wohl nicht allein.

Die Wirte haben indes alle Hände voll damit zu tun, die strengen Coronaschutz-Auflagen zu befolgen. Stefan Klemisch, Inhaber der „Brasserie Beau D’Eau“, sieht sich zur Flexibilität gezwungen. „Die Gegebenheiten ändern sich ständig. Seit heute früh, zum Beispiel, wissen wir, dass wir verpflichtet sind, auch alle Gäste im Außenbereich zu notieren.“ Das sei ihnen erst morgens mitgeteilt worden. „Ich gehe davon aus, dass auch das Ordnungsamt das erst gestern erfahren hat.“ Diese kurzfristig mitgeteilte Regel bedeute für seinen Betrieb, dass er noch einmal 200 Kopien der entsprechenden Formulare brauche. „Das ist eine Kleinigkeit, aber die Summe aller Kleinigkeiten ist gewaltig.“ 

Wirte in der Krise: Stefan Klemisch von der „Brasserie Beau d’Eau“ und Carmelo Giuseppe Licata vom „Tarantino’s“ versuchen, alle Coronaschutz-Auflagen einzuhalten.

Über die Wiedereröffnung freuen kann sich Klemisch noch nicht so recht. „So einen Betrieb wieder hochzufahren, um dann nur ein Drittel der Leute bewirten zu dürfen – und das alles mit einer Desinfektionsflasche in der Hand – das ist schon Stress.“ Vor allem, da er und sein Team mit aller Wahrscheinlichkeit defizitär arbeiteten. „Wenn wir nicht so eine gute Wetterprognose gehabt hätten, hätten wir nicht aufgemacht. Dann würden wir hier Geldverbrennmaschinen hochfahren.“

Wie lange die Situation in dieser Form noch so weitergehen kann, bevor sie für Stefan Klemisch gar nicht mehr tragbar ist? „Schwer zu sagen. Das hängt natürlich von der Großzügigkeit der Gäste ab.“ Für den Wirt ist klar: „Von einem Gast, der fünf Quadratmeter braucht, um einen Kaffee zu trinken, werden die Kinder nicht satt.“ Bis jetzt habe er auch noch keine Gäste wegschicken müssen. „Es ist nicht gerade so, als ob wir überrannt würden.“

Ein wenig optimistischer sieht es Carmelo Giuseppe Licata, Inhaber des „Tarantino’s“. Im Gespräch mit unserer Zeitung sagt er: „Es läuft bis jetzt eigentlich ganz gut. Wir können uns soweit an alle Regeln halten.“ Die Gäste seien zudem sehr kooperativ. „Jetzt schauen wir, wie die nächsten Tage so verlaufen. Wir müssen uns auch erst mal ein wenig einspielen.“ Es sei eine ganz neue Situation. „Wir müssen einfach versuchen, uns ein bisschen zusammenzureißen und zu gucken, dass das alles funktioniert.“

Auch das „Morleos“ und das „Tafelspitz und Söhne“ haben seit gestern wieder geöffnet. Auch hier sind die Hygiene- und Abstandsregeln allerdings ein Thema, das den Wirten Bauchschmerzen bereitet. „Es ist verdammt schwierig, dass alles umzusetzen“, findet Dennis Albrecht, Geschäftsführer des „Morleos“. Youssef El Machit, der das „Tafelspitz und Söhne“ leitet, sieht ein großes Problem bei den Entscheidungsträgern: „Ich finde, dass die Regelungen von Menschen gemacht wurden, die das nur für die Theorie entscheiden.“

Um die Verordnungen bestmöglich umzusetzen, müssen die zwei Lokale ihr Kontingent verringern. So haben im „Tafelspitz“ statt der üblichen 100 Gäste nur noch 30 Platz. Ein Verlustgeschäft, wie Inhaber El Machit beklagt: „Wenn es nicht reicht, kann es sein, dass wir wieder zumachen.“ An seinem Angebot will er trotzdem nichts ändern. Das Frühstück, der Mittagstisch und das Abendgeschäft sollen zu den üblichen Öffnungszeiten erfolgen. Daniel Albrecht hat noch keinen konkreten Plan, wie die Geschäftszeiten des „Morleos“ aussehen werden, da nur noch in einer Schicht gearbeitet wird. Das habe zur Folge, dass das Frühstück aber auf unbestimmte Zeit ausgesetzt und nur eine vereinfachte Karte angeboten werde.

Das Bild, das die Umfrage unter den Wilhelmsplatz-Wirten zeichnet, ist klar: Ob optimistisch oder nicht – mit den Coronaschutzbestimmungen ringt jeder von ihnen. Und wie rentabel die Öffnung unter den derzeitigen Bedingungen für sie sein wird, bleibt vorerst ungewiss. Immerhin: Die ersten Gäste sind schon da. 

VON MARIAN MEIDEL UND JOSHUA BÄR

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