Rettungsschirm: Das sagen Offenbacher Griechen

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Auf dem Mainuferfest der Vereine: Mitglieder der Griechischen Gemeinde hüpfen im Sirtaki-Takt über die Bühne vor dem Büsingpalais.

Offenbach - Gestern entschied sich in Berlin und Brüssel, wie der Euro gerettet und Griechenland geholfen werden soll. Von Katharina Hempel

Der Bundestag stimmte für einen stärkeren Rettungsschirm, am Abend trafen sich die europäischen Volksvertreter um weiter diskutieren, verhandeln und Rettungspakete schnüren zu können.

Brüssel ist weit weg, Griechenland noch weiter. Wie nehmen die Offenbacher Griechen die Diskussionen wahr? Wie sind sie von der griechischen Krise betroffen?

Sideris Christoforos sagt: „Persönlich spüre ich nichts davon. Aber meine Familie in Griechenland natürlich schon. Viele von ihnen sind Beamte und müssen hohe Lohnminderungen in Kauf nehmen.“ Wie dem Inhaber der Taverna Grillbar am Wilhelmsplatz geht es den meisten Offenbacher Griechen: Direkt sind sie von der prekären Situation des Mittelmeerstaats nicht betroffen. Doch Familie und Freunde in der Heimat bleiben nicht verschont. So machen sich auch die hier lebenden Hellenen Gedanken und Sorgen. Doch statt dem Euroblues zu verfallen, nutzen sie ihren geografischen Abstand um die Griechenland-Debatte kritisch zu beobachten.

„Schlimme deutsche Griechenlandpolitik“

Nikolaus Tziogos ist im Offenbacher Buchhaltungs- und Büroservice Nikolex tätig. Der Germanist stellte sich vor dem Sommerurlaub in der Heimat schon auf „heiße Diskussionen über die schlimme deutsche Griechenlandpolitik“ ein. „Aber ich war überrascht, wie einsichtig und kritisch sich die meisten zeigten. Es schien, als hätten sie eingesehen, dass sich etwas ändern muss. Reformen sind notwendig, müssen aber im Rahmen bleiben und tragbar sein. Die Leute müssen schließlich von etwas leben.“

Reformen und Rettungsschirm bekämpfen die Auswirkungen, jedoch nicht das Problem an der Wurzel. Diese Meinung teilt Gastwirt Christoforos: „Keiner hat gefragt, wie es so weit kommen konnte, aber alle sorgen sich um die deutschen Steuergelder. Dabei bekämpft der Schuldenschnitt nur die Symptome. Die Strukturen in der Wirtschaft und in den Ämtern sind falsch – da müsste angesetzt werden. Die Hilfen sollten aber nicht nur auf Euros ausgelegt sein. Investitionen in Know-How und Infrastruktur sind genauso wichtig.“

Über Ursache und Wirkungen der falschen Finanzpolitik hat sich auch Nikolaus Tziogos Gedanken gemacht. „Als Griechenland EU-Mitglied wurde, bekam es Fördergelder aus Brüssel“, sagt er. „Aber damit wurde falsch gehaushaltet, sie verschwanden in Projekten, die nie realisiert wurden. Schon vor zwanzig Jahren hab’ ich gezweifelt, dass das gut geht.“

Die Blase ist geplatzt

Jetzt ist die Blase geplatzt. Doch die Bestraften sind nicht die Schuldigen. Die griechischen Bürger müssen nun den Preis für das zahlen, was ihre Regierung über Jahre hinweg versäumt und verschuldet hat.

„Die Reformen haben die einfachen Leute getroffen, deshalb hat sich auch die Kriminalitätsrate stark erhöht. Insgesamt ist das Leben für die Menschen in der Stadt viel schwieriger geworden als für die auf dem Land. In den Dörfern sind die meisten nämlich Selbstversorger. Außer durch die Medien bekommen sie nichts von der Krise mit“, schildert Hrissi Goutzikidou die Lage in der Heimat. In Offenbach arbeitet die gebürtige Griechin als Migrationsberaterin bei der Interkulturellen Bildung Hausen.

Wie die Migrationsberaterin macht auch Panagiotis Vaios, Vorstandsmitglied der Griechischen Gemeinde Offenbachs, auf ein Phänomen aufmerksam, das die Krise mit sich bringt: Eine kleine hellenische „Einwanderungswelle“. Vaios schätzt, dass seine Gemeinde seit Anfang des Jahres etwa hundert neue Mitglieder aufgenommen hat, die wegen der zunehmend schlechter werdenden Zukunftsperspektiven ihr Land verlassen haben.

„Es kommen viele junge und hochqualifizierte Leute nach Offenbach, hauptsächlich Ingenieure, aber auch viele sehr gut ausgebildete Pädagogen“, berichtet Beraterin Goutzikidou. Im Krisenland finden sie keine Arbeit, weil es dort zu wenig Stellen und zu viele Fachkräfte gibt. „Es ist wirklich wichtig, zu überlegen, was man mit diesen qualifizierten Griechen machen könnte. Sie haben studiert, sie haben hier Verwandte. Gerade dadurch fällt ihnen auch die Eingewöhnungsphase viel leichter.“

Warum also nicht mit ihnen den deutschen Fachkräftemangel bekämpfen? Damit würden alle Seiten von der griechischen Krise profitieren, meinen manche.

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