„Ring frei!“ für pflegende Angehörige

Offenbach (psh) - Wut und Liebe. Liebe und Wut. Wer Ehepartner oder Mutter und Vater, die an Alzheimer erkrankt sind, zu Hause pflegt, der kann sich schnell zwischen diesen beiden Gefühlen wiederfinden. Hin und her gejagt wie ein Ping-Pong-Ball.

Denn ein Alzheimer-Kranker braucht ständigen Beistand. Jutta Burgholte-Niemitz von der Hans und Ilse Breuer-Stiftung in Offenbach kennt die Probleme der Betroffenen. Für beide Seiten sei es schwer, das zu akzeptieren. Nicht nur der Kranke versuche sich gegen die totale Abhängigkeit von seinem Pflegenden zu wehren, dem ,Gesunden“ ergehe es kaum besser, sagte sie.

Was tut man in Zeiten der Wut? Wie geht man mit der Erkenntnis und dem Bedürfnis um, dass das eigene Leben nicht nur aus der Pflege bestehen soll? Mit diesen Themen beschäftigten sich jetzt Experten bei einer Veranstaltung an einem ungewöhnlichen Ort, im Boxcamp Offenbach. Ein Kampfsportler beschrieb, was Boxen sein kann: Nicht nur Kampf, sondern vor allem ein Training für Durchhalte- und Stehvermögen, auch Austoben und Wutablassen. Burgholte-Niemitz: „Mit Wut im Bauch kann kein Mensch einen Kampf gewinnen.“ Beides gilt nach ihren Angaben ähnlich für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. Ohne Stehvermögen sei der Alltag nicht zu bewältigen, und „auch mit der Wut über das ungerechte Schicksal, das ihnen statt des verdienten gemütlichen Lebensabends eine schwere Pflegelast beschert hat, müssen sie irgendwo hin“.

Dass Sport in solchen Situationen helfen kann, liegt auf der Hand. Auch das Boxcamp will entsprechende Angebote unterbreiten - spätestens dann, wenn das Demenzzentrum StattHaus Offenbach der Breuer-Stiftung nebenan eröffnet ist. „Dann nämlich könnte in der Trainingszeit der Angehörigen eine Betreuung der Demenzbetroffenen angeboten werden“, so Burgholte-Niemitz. Die erste ambulant betreute Wohn-Pflegegruppe für Menschen mit Demenz wird von der Hans und Ilse Breuer-Stiftung im geplanten „StattHaus-Offenbach“ in der Geleitsstraße 94 entstehen.

Die Pflegenden müssten ständig Entscheidungen treffen

Dr. Gisela Bockenheimer-Lucius, Professorin für Ethik in der Medizin aus Frankfurt, schärfte in ihrem Vortrag den Blick für die Probleme, vor denen man steht, wenn man die Würde seines von Demenz betroffenen Angehörigen nicht verletzen will. Wie stelle ich fest, was er will, wenn er immer weniger Situationen überblicken kann? Die Pflegenden müssten ständig Entscheidungen treffen: Wie stimmt der Demenzbetroffene zu - mit einem Lächeln? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Denn lächeln wir nicht auch aus Unsicherheit oder weil wir unser Gegenüber friedlich stimmen wollen? Die Erkenntnis: Für die Kleinigkeiten des Alltages gilt es sensibel zu bleiben. Bei der Frage, wie weit kann der Kranke noch einwilligen, geht es auch darum, mit ihm in Kommunikation zu bleiben. Nicht bestimmen, sondern fragen.

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Woher man die Geduld nehmen soll, fragte Margot Unbescheid, die Autorin von „Alzheimer. Das Erste-Hilfe-Buch“. Sie beschäftigte sich mit der Würde des Angehörigen. Unbescheid berichtet von der Erkrankung ihres eigenen Vaters - von den schwierigen ethischen Fragen: Darf sie ihrem Vater heimlich Beruhigungsmittel gegen seine Aggressionen geben? Sie tat es nicht - und sie stehe dazu, dass sie seine Würde geachtet habe. Das seien Erkenntnisse in Zeiten der Liebe. Was aber, fragte sie, ist mit den Zeiten der Wut? Wenn die Wut alles Mitgefühl wegfrisst. Gründe für Wut haben Pflegende laut ihr wirklich genug. In diesem Zustand schulterten sie weiter ihre viel zu schwere Last. Das müsse aufhören, sagte Unbescheid. Und dafür brauche es neben der vorhanden Unterstützung von Fachleuten noch weitere Hilfen.

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