Sie ringen mit der deutschen Sprache

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(Links) Kurzerhand fordert der Schüler Nassif Felix Schwenke zum Armdrücken auf. Die anderen Schüler vom Deutsch-Sommer verfolgen gespannt, wie er (mit etwas Mogelei) den Stadtrat bezwingt. (Oben) Die Theaterpädagogin studiert mit ihrer Gruppe eine schaurige Szene ein, in der die Kinder Geister spielen und mit gruseligen Masken für Gänsehaut sorgen.

Offenbach - Das Schullandheim an der Wegscheide sieht aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die Wände in den Ferienhäusern sind bunt gestrichen, hier und da platzt die Farbe ab, und die robusten Holzmöbel haben schon einige Kinderfüße und -hände gesehen. Von Sarah Neder 

Es gibt kein Internet, keinen Fernseher, keinen Handy-Empfang. In dieser Atmosphäre ohne technische Ablenkung verbessern 32 Schüler aus elf Offenbacher Grundschulen beim Deutsch-Sommer ihre Sprachkenntnisse. Sieben Pädagogen gestalten täglich ein abwechslungsreiches Programm, bei dem die Drittklässler spielerisch Grammatik, Rechtschreibung und Aussprache lernen. Theaterpädagogin Janina Blohm-Sivers übt mit ihnen eine Gespenster-Szene ein. Einer der Nachwuchs-Geister ist der neunjährige Lukas. „Ich habe Probleme beim Vorlesen und spreche manche Wörter falsch aus“, erklärt der Uhlandschüler, wieso er beim Deutsch-Sommer mitmacht. Jessica, die auf die Goetheschule geht, hat eine Lese-Rechtschreibe-Schwäche – im Feriencamp spielt die Zehnjährige Reporterin. „In dem Beruf muss man sehr auf Rechtschreibung achten“, weiß sie. Pädagogin Blohm-Sivers ist sich sicher: „Jedes Kind findet hier seine eigene Andockstation.“ Manche lernen lieber mit Theater, andere mit Musik.

So einer ist Alex, der vor nicht mal zwei Jahren nach Deutschland kam. In der zweiten Woche des Ferienprogramms hat er ein Lied geschrieben – auf Deutsch. Es handelt von Bob, dem Roboter, der Heldentaten vollbringt. Nun feilt Alex mit den anderen Ferienschülern an den letzten Ungereimtheiten. Auch der tägliche Deutschunterricht führt spielerisch an die Sprache heran. Fünf Schüler halten bunte Zettel in der Hand, auf denen verschiedene Satz-Bausteine stehen. So müssen die Kinder aus „Lola“, „Tom“, „ärgert“, „immer“ und „gerne“ einen richtigen Satz bilden.

Dass der Intensiv-Sprachkurs in den Ferien seine Wirkung zeigt, davon ist auch Projektleiter Jörg Muthorst überzeugt: „Vor und nach dem Deutsch-Sommer machen wir einen Sprachtest. Die meisten können sich innerhalb der drei Wochen enorm verbessern.“ Für den gelernten Journalisten ist ausschlaggebend, dass die Grundschüler dort ständig von Deutsch umgeben sind. „Zu Hause ist das bei vielen nicht der Fall“, weiß Muthorst und erklärt, wieso die Übernachtung an der Wegscheide so wichtig ist: „Wir wollen die Kinder bewusst aus ihrer gewohnten Umgebung rausholen. An den Wochenenden dürfen sie dann zurück zur Familie.“ Am Ende des Projekts kommen die Eltern ins Schullandheim, und ihre Kinder präsentieren ihnen die Tänze, Theaterstücke und Lieder, die sie beim Deutsch-Sommer einstudiert haben. Doch nicht für alle endet das Programm hier: Kinder, die immer noch Sprachprobleme haben, gibt es einen weiteren Kurs in den Winterferien. „Dort arbeitet eine kleine Gruppe von etwa 15 Kindern gezielt an ihren Defiziten“, erläutert Muthorst.

Etwa 80.000 Euro kostet das Deutsch-Sommer-Projekt. Ohne Sponsoren könnte die Stadt, die rund 30.000 Euro zuschießt, das Ferienprogramm nicht anbieten. Einen Löwenanteil stemmen dieses Jahr die Software AG, die städtische Sparkasse und die Stiftung unseres Verlegers Dr. Dirk Ippen. Stadtrat und Schuldezernent Felix Schwenke zeigt sich jedoch besorgt um die Zukunft, da die Spende der Software AG im nächsten Jahr voraussichtlich wegfällt: „Wir brauchen dringend Sponsoren, damit der Deutsch-Sommer auch nächstes Jahr stattfinden kann.“ Die Nachfrage ist da: Auch dieses Jahr mussten die Organisatoren wieder einigen Schülern wegen des knappen Budgets absagen.

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