„Fahren mit dem RMV ist Abzocke“

Ärger und keine Spur vom fairen Preis

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Die Anschlussfahrt wurde 2007 in Offenbach eingeführt.

Offenbach - „Fahren mit dem RMV ist Abzocke.“ Die Offenbacherin Konstantina Karousou findet klare Worte für das, was sie seit Wochen ärgert – und nicht nur für sie nicht nachvollziehbar ist: Die Preisstruktur des Rhein-Main-Verkehrsverbunds. Von Veronika Szeherova

Um unbeschwert Bus und Bahn fahren zu können, besitzt sie eine Jahreskarte fürs Offenbacher Stadtgebiet. Nun besucht sie regelmäßig ihren Sohn, der in einem Frankfurter Krankenhaus liegt. Dafür zieht sie eine Anschlussfahrkarte für 3,10 Euro. „Zurück fahre ich genau die gleiche Strecke, hole mir dann aber eine Einzelfahrkarte für Frankfurt, die kostet nur 2,60 Euro“, erklärt die Offenbacherin. Der Preisunterschied ärgert sie: „Man zahlt bei der Anschlussfahrt für Offenbach mit, obwohl man doch schon eine Fahrkarte hat.“

Als die Anschlussfahrkarten 2007 eingeführt wurde, war die Hoffnung der Offenbacher groß, dass ihr Traum vom fairen Tarif wahr würde. Doch wie Frau Karousou sind viele Inhaber von Zeitkarten wütend über die hohen Zuschlagsgebühren – vor allem nach Frankfurt. So mancher steigt am Kaiserlei aus und zieht sich dort eine Einzelfahrkarte, um dann die nächste S-Bahn nach Frankfurt zu nehmen. „Aber das kann es doch nicht sein“, findet Konstantina Karousou.

Fahrpreis zwischen Offenbach und Frankfurt

RMV-Sprecher Maximilian Meyer gesteht ein, dass der Fahrpreis zwischen Offenbach und Frankfurt „recht hoch“ sei. „Das ergibt sich aus unterschiedlichen Preisstufen zwischen den Stadtgebieten.“ Der RMV habe daher, um „kundengerechter“ zu werden, den Kaiserlei als sogenannte Grenzhaltestelle eingeführt, die sowohl zu Offenbach als auch zu Frankfurt gehört. „Kunden können sie von beiden Städten aus anfahren, ohne das Tarifgebiet zu wechseln“, so Meyer. Dass „findige Kunden“ die Station zum Umsteigen benutzten, und sich dort Fahrkarten ziehen, sei durchaus legitim.

Fahrkartenautomaten so nachzurüsten, dass Kunden sich von Offenbach aus Tickets für Frankfurt kaufen können, ist für den Sprecher nur eine theoretische Option: „Die Fahrkarten gelten von dem Zeitpunkt an, in dem man sie kauft. Kann ich genau vorhersagen, dass ich in 20 Minuten in Frankfurt sein werde?“ Die Folge sei ein wesentlich höherer Beratungsbedarf am Automaten oder beim Busfahrer. „Das wäre unerfreulich für die Leute in der Warteschlange, und der Fahrer könnte seinen Fahrplan nicht einhalten.“ Mit Fahrkartenentwertern zu arbeiten, komme ebenfalls nicht in Frage. „Das RMV-Gebiet umfasst zwei Drittel von Hessen. Jeder einzelne Wagen müsste Entwerter bekommen. Das ist finanziell nicht zu stemmen.“

„Kurzstrecken bedeuten Mindereinnahmen“

Ebenso wenig könne es sich der RMV leisten, weitere Kurzstrecken einzuführen. Wie Karousou kritisiert, gibt es keine Kurzstrecke von Offenbach nach Frankfurt. „Kurzstrecken bedeuten Mindereinnahmen, die dazu führen könnten, dass manche Verbindungen ausfallen oder der Tarif generell erhöht wird“, so Meyer. Die Kurzstrecke mache sich nur in größeren Städten wie Frankfurt bezahlt. Dort beträgt ihre Distanz 3000 Meter, während sie in Offenbach nur bei 1500 Metern liege.

Kaum nachvollziehen können viele RMV-Nutzer auch, dass eine Einzelfahrt etwa von Offenbach Ledermuseum bis Frankfurt-Mühlberg, die nur zwei Stationen beinhaltet, mit 4,25 Euro genauso viel kostet wie eine Fahrt von Offenbach Ledermuseum nach Dieburg – eine wesentlich längere Strecke. „Ich bin mir bewusst, dass es da gewisse Sprünge gibt“, sagt der RMV-Sprecher. Nach Luftlinie zu gehen, sei „wahnsinnig kompliziert“. Doch arbeite der RMV seit Jahren an einer tariflichen Weiterentwicklung, die „Entfernungen mehr berücksichtigt“, die aber nicht das Wabensystem ablöse. „Das hat, wie alle Systeme, Verlierer und Gewinner“, bemerkt Meyer. Für ganz Frankfurt, ein beträchtliches Stadtgebiet, braucht man nur eine Fahrkarte.

Unterhosen-Flashmob in der U-Bahn

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Verlierer ist bekanntlich Offenbach. Bürgermeister Peter Schneider, der Dezernent für Nahverkehr, schildert, dass die Preisstruktur des RMV voriges Jahr Thema im Aufsichtsrat gewesen ist: „Der RMV umfasst 27 Gebietskörperschaften. Wie es so ist, wenn einer der Partner sich etwas wünscht, sagen die anderen, prima, dann musst du es bezahlen.“ Um dem Preissprung am Kaiserlei entgegenzuwirken, müsste die Stadt Offenbach pro Jahr eine weitere Million Euro für den Nahverkehr ausgeben.

Ohnehin muss die Stadt nach der letzten Fahrgastzählung mit Mindereinnahmen rechnen. Da müsse sich Offenbach bei Reformen zurückhalten, meint Schneider und setzt auf mehr Gerechtigkeit durch einen entfernungsabhängigen Tarif: „Die Vorbereitungen laufen, ich rechne mit einer Einführung in etwa zwei Jahren.“

RMV-Chef beantwortet Leserfragen 

Der Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrbundes (RMV) Knut Ringat beantwortet Fragen unserer Leser. Vor allem die Dreieichbahn und die Seniorenkarte beschäftigen die Menschen in der Region.

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