Bö(h)se Rockfans

Über Auto getrampelt und Naziparolen gesungen

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Eingedellt und beklebt: Nebenwirkungen eines Rockfestivals.

Offenbach - Die Dellen im Dach des Opel Corsa lassen keinen Zweifel: Da ist jemand mit Wucht über das Auto getrampelt. Dessen Scheiben und Türen sind zudem von unflätig betexteten Aufklebern verunstaltet. Von Thomas Kirstein

Für die direkt Betroffenen und ihre Nachbarn in der Straße Am Schneckenberg ist ein Zusammenhang mit einem samstägigen Rockfestival im nahen Kulturzentrum mehr als wahrscheinlich.

Auf dem vom Offenbacher Verwaltungs- und Organisationsverein (OVO) vermieteten Gelände ergötzten sich etwa 350 Besucher am „Böhsen Heimspiel Festival 2013“, das mehrere Bands bestritten, die sich meist Repertoire oder Stil der zeitweilig von der rechtsextremen Szene vereinnahmten Band Böhse Onkelz verschrieben haben. Die Veranstaltung selbst lief nach Angaben der Polizei friedlich ab. Auch die Lautstärke habe keinerlei Anlass zu Klagen gegeben.

Ausländerfeindliche Gesänge von Festivalbesuchern

Nachbar Markus T. indes berichtet nicht nur von den in den späten Nachmittagsstunden angerichteten Beschädigungen seines Kleinwagens. Er beklagt auch nächtliche ausländerfeindliche („...so Naziparolen, auch irgendwas mit Auschwitz...“) Gesänge von Festivalbesuchern („...kahlköpfig und mit Stiefeln...“), die auf ihrem Nachhauseweg auch gegen seinen Zaun traten und urinierten. Das will er aber nicht verallgemeinernd verstanden wissen: „Da haben wir auch viele anständige Leute hingehen sehen.“

T. ist „traurig und enttäuscht“ – weil nämlich der OVO beziehungsweise seine jeweiligen Mieter zwar für Ordnung auf dem Areal, sich aber nicht um den Schutz der Nachbarschaft in der engen Zufahrtsstraße sorgten. Er berichtet von Übergriffen während einer Halloweenveranstaltung – die Reihe wurde deswegen vor zehn Jahren eingestellt – und Rücksichtslosigkeit bei Privatfeiern: „Die geben sich die Kante und donnern dann hier mit dem Auto durch.“ Im vergangenen September hat jemand seinen Opel Omega gerammt und sich unerkannt abgesetzt.

Ärger der Leidtragenden

Der Vorsitzende des OVO ist über den Vorfall vom Samstag unterrichtet und versteht den Ärger der Leidtragenden. Über den generellen Teil der Beschwerde zeigt er sich aber erstaunt. „Das war das erste Mal, dass wir so was hören“, sagt Klaus Keller.

Der ESO-Mitarbeiter hat mit Gleichgesinnten den Verein 1997 gegründet, um das vom städtischen Eigenbetrieb verlassene Anwesen kulturell zu nutzen und anderen Vereinen als Domizil zur Verfügung zu stellen. Der Veranstalter des „Böhsen Heimspiels“ sei schon zum dritten Mal in Offenbach, nie habe es Klagen gegeben. „Wir bestehen immer darauf, dass alles beim Ordnungsamt angemeldet wird, damit eine Vorprüfung stattfindet“, versichert Keller, „und wir empfehlen dringend, dass vorher Kontakt zu den Anwohnern aufgenommen wird.“ Auf dem Freigelände unterhalb der sanierten Mülldeponie steigen jedes Jahr fünf größere Veranstaltungen mit mehreren hundert Besuchern.

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