Bildung auf der Kippe?

„Zu viel Ablenkung, zu wenig Motivation“ – Wie Corona das Lernen beeinflusst

Verwaiste Kletterwand: Den Pausensport an der Geschwister-Scholl-Schule schränkt die Pandemie krass ein.
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Verwaiste Kletterwand: Den Pausensport an der Geschwister-Scholl-Schule schränkt die Pandemie krass ein.

Viele leiden, manche trödeln, wieder andere blühen auf. Was Corona mit ihren Schülern macht, erleben Lehrer an den vier weiterführenden Schulen in Rodgau nach dem Neustart des Präsenzunterrichts hautnah. Einig sind sich alle in dem knappen Urteil, das Volker Hildebrandt für die Georg-Büchner-Schule (GBS) formuliert: „Corona nervt.“

Rodgau - Was macht Corona aus Schülern? Wie beeinträchtigt die Lage das Lernen? „Wir versuchen, das Beste daraus zu machen und den Bildungserfolg unserer Schüler sicherzustellen“, fährt Hildebrandt, Schulleiter an der GBS, in seiner Antwort-Mail auf eine Umfrage unserer Zeitung fort. Tino Desogus, Leiter der Geschwister-Scholl-Schule (GSS), geht noch weiter und gewinnt dem über Monate erzwungenen Einzelkampf daheim auch Positives ab: „Die meisten Schüler“, fasst er die Beobachtungen seines Kollegiums zusammen, „konnten ihre Fähigkeit zum selbstständigen und eigenverantwortlichen Lernen verbessern“.

Mit diesen Kompetenzen lassen sich entstandene Wissenslücken, die GSS-Lehrer derzeit vor allem in Nebenfächern ausmachen, leichter ausgleichen, meint Desogus. Nebenfächer hätten beim Homeschooling vor den Ferien weniger im Fokus gestanden als die Hauptfächer. In Mathematik habe der Fernunterricht hingegen offenbar besonders gut geklappt, ja sogar viele leistungsschwächere Schüler vorangebracht – „möglicherweise, weil Zeit- und Konkurrenzdruck weggefallen sind“.

Gemeinsam lernen im Freien – das ist aktuell eine Alternative. Was aber wird im Winter?

Diese Erfahrung teilt Petra Fischer, Chefin in der Heinrich-Böll-Schule (HBS) in Nieder-Roden. Freilich hört sie auch oft, das Lernen daheim habe „nur selten Spaß gemacht“. Einige Schüler hätten trotz engem Kontakt mit den Lehrern „sehr wenig gemacht“ - wohl weil das Miteinander im Klassenverband – an der integrierten Gesamtschule sonst sehr wichtig – zwangsläufig gefehlt habe.

Wo mangelnde Motivation oder widrige häusliche Umstände das Lernen allzu sehr erschwerten, der Rücklauf aus den Online-Aufgaben nur spärlich tröpfelte, habe man Schüler zur – ansonsten gern und freiwillig besuchten – Notbetreuung in die Schule geholt. Andere seien von Lehrern zum Arbeiten daheim besucht worden.

Mit Wissenslücken wegen Corona wird die Böll-Schule nach den Erwartungen ihrer Leiterin gut fertig werden: Alle Schüler bei ihrem Lernstand abzuholen, sei ohnehin Teil des Konzepts. Jahrgangsweise werde der Lehrstoff in Fachteams abgestimmt, sodass Versäumtes – je nach Wichtigkeit zum Weiterlernen – später nachgeholt, gerafft vermittelt oder weggelassen werden könne.

Mit Aufholen beschäftigt ist derzeit und wohl noch bis zu den Herbstferien auch das Kollegium der Claus-von-Stauffenberg-Schule in Dudenhofen. In der Oberstufe, wo Schüler aus ganz Rodgau zusammenkommen, haben die Kollegen nach Worten des stellvertretenden Schulleiters Alexander Schulte-Sasse Übung im Ausloten von Wissensständen. Nun mit Billigung des Kultusministeriums wochenlang den Stoff vom vergangenen Schuljahr wiederholen zu dürfen, sei so gesehen eine „komfortable Situation“.

Auch Schulte-Sasse hört, dass manche Schüler mit dem Fernunterricht echte Probleme hatten: „Zu viel Ablenkung, zu wenig Motivation.“ Andere hätten es offenbar genossen, sich in Ruhe und intensiver vorbereiten zu können. Ein dickes Corona-Plus erkennt der Vize-Schulleiter im erzwungenen Digitalisierungsschub: „Im mediengestützten Unterricht und bei Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten haben wir binnen Wochen ein Niveau erreicht, das ich in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht erwartet hätte.“

Zeichen einer besonderen Zeit: Warnungen und neue Regeln bestimmen den Schulalltag.

Das schätzen auch jene, die von schnell gestrickten Unterrichtskonzepten und ad hoc verwerteten Erkenntnissen profitieren sollen. Laurens Tauber, Schüler an der GSS, haben der rasante Medienfortschritt und auch der engagierte Einstieg seiner Lehrer verblüfft: „Da ist es in den letzten Wochen echt voran gegangen“.

Auf den nächsten Lockdown, sollte er denn kommen, sei die Schule jetzt gut vorbereitet, glaubt sein Mitschüler David Cheng: „Da nimmt man schon was für die Zukunft mit“. Verändert hat sich nach Wahrnehmung Taubers auch das Miteinander – durchaus positiv: Mehr Achtsamkeit, mehr Bewusstsein, mehr Selbstdisziplin.

Laurens Möller, auch er ein Scholl-Schüler, fehlt unterdessen die Musik. „Wir kommen alle aus einer Bläserklasse“, sagt er. Jetzt dürfe nur noch im Freien musiziert oder gesungen werden – im Unterricht schwer machbar.

Mit den aktuellen Jungbläsern geht Tino Desogus auf den Schulhof, wann immer die Sonne scheint. „Aber im Winter wird das ein Problem.“ Das Schulorchester mit über 70 Musikern scharre derzeit mit den Hufen. „Da müsste eine Lösung her, schon wegen der Motivation“, meint Desogus. Sonst sei der Schwerpunkt Musik an allen hessischen Schulen in Gefahr. (Von Karin Klemt)

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