Rotation zu immer neuen Aufgaben

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Die neue Spitze im 2. Revier: Ludwig Kiesel (links) und Klaus Hofmann.

Offenbach - Das Fernsehen prägt das Bild vom bundesdeutschen Polizeialltag. So müssen treue Zuschauer der Reihe „Großstadtrevier“ glauben, dass nur Karrieresprung, Ruhestand, Invalidität oder Tod die Trennung eines leitenden Beamten von seiner Dienststelle bewirken können. Von Thomas Kirstein

Im realen Südosthessen ist das ganz anders, besonders seit dort Polizeipräsident Heinrich Bernhardt das Rotationsprinzip forciert. Niemand, der bei ihm was werden will, erreicht das auf einem Sessel. Und wer etwas geworden ist, sollte sich Spaß am Neuen bewahren.

So wie im 2. Großstadtrevier Offenbachs der neue Chef und sein dort ebenfalls neuer Stellvertreter. Der Erste Polizeihauptkommissar Ludwig Kiesel ist formal kommissarischer Revierleiter, bis sein Vorgänger Horst Becker im September offiziell in Pension geht. „Dass ich fast alle Dienststellen im Offenbacher Raum kennen gelernt habe, hat nur den Horizont erweitert“, sagt der 54-Jährige, der in Mainhausen wohnt und in Bad Kissingen geboren wurde. Dass es den Unterfranken seinerzeit nicht zur bayerischen Polizei verschlug, lag an deren Einstellungspraxis: Die nahm junge Männer erst ab 17, bei den Hessen kam er 1971 jünger unter.

Nach Bereitschaftspolizei in Hanau und Mühlheim und Kommissar-Lehrgang sorgte Ludwig Kiesel in allen Ecken der Offenbacher Kante für Ordnung. Seine Polizei-Stationen waren Rödermark, Heusenstamm, Neu-Isenburg und Dietzenbach, bis er 2002 zum vorletzten Leiter des 2003 geschlossenen 3. Offenbacher Reviers wurde. Bis zum 25. März 2009 war der Vater zweier erwachsener Söhne und einer Tochter der Chef in Heusenstamm.

Das 2. Revier an der Berliner Straße ist zuständig für alles, was westlich der Achse Waldstraße liegt. Vier 13-köpfige Dienstgruppen, vier Beamte des Tagdiensts und die beiden Chefs sind dort tätig.

Kiesels Stellvertreter ist seit 2. März dort. Polizeihauptkommissar Klaus Hofmann, bis Mai noch 48, kommt jeden Tag aus seinem Heimatdorf bei Miltenberg nach Offenbach. „Man kann sich’s überall schön machen“, sagt er zur Rotation. Bei seinem direkten Vorgesetzten muss er sich aber nicht umgewöhnen: Stellvertreter von Ludwig Kiesel war der Vater zweier erwachsener Töchter schon in Heusenstamm.

Der Wechsel vom Land in die Stadt bereitet beiden Kommissaren keinen Kulturschock. „Es ist doch klar, dass Offenbach als Großstadt eine ganz andere Struktur hat“,sagt Kiesel. „Es ist ein bisschen eine andere Welt.“ „Wir brauchen nicht um den heißen Brei herum zu reden: Es ist schon problematischer“, sagt sein Vize. Hofmann betont aber, dass Offenbach bei der Zahl der Straftaten pro 100 000 Einwohner (11 000) nicht auffällig sei. Einbruchsdelikte, Drogen, Raub, Sachbeschädigungen, Belästigungen beschäftigen die Beamtinnen und Beamten des 2. Reviers nicht häufiger als in vergleichbaren Städten.

Angenehm überrascht wurde Klaus Hofmann vom Stadtteil Lauterborn, den er sich anders vorgestellt hatte: „Da sieht es sehr ordentlich aus, da tut sich auch was durch die Bürgerinitiative und das Jugendzentrum.“ Mit diesem wird wie mit den „Runden Tischen Nord und Süd“ vorbeugend zusammengearbeitet. „Damit wir manche junge Leute nicht oft bei uns sitzen haben“, sagt Hofmann und nennt eine weitere Funktion des 2. Reviers: Es ist das Zentralgewahrsam für Stadt und Kreis Offenbach. Wer hier geschnappt wird, landet erst einmal hinter den Gittern in der Berliner Straße.

Kiesel und Hofmann freuen sich auf die Zeit in Offenbach und über Kollegen, die sie bereits als sehr engagiert kennen gelernt haben. Was sie als schönste Momente ihrer Karriere bezeichnen, werden ihnen allerdings weder die Stadt noch eine weitere Rotation wiederbringen können. Kiesel erinnert sich gern an die Arbeit während des Hessentags als Vize in Dietzenbach, Hofmann schwärmt von seinen Einsätzen während der WM 2006.

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