Tiere im Schultheisweiher wohl sicher

Roter Amerikanischer Sumpfkrebs: Plagen in den Magen

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Rote Amerikanische Sumpfkrebse werden zum Gourmet-Brötchen. Ist das auch eine Lösung für den Bürgeler Schultheisweiher?

Offenbach - Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs gilt als invasive Art – und vielleicht auch als Delikatesse? Ein von der Bundesregierung gefördertes (und zur Hälfte in Offenbach ansässiges) Start-up bereitet den Start eines Gourmet-Foodtrucks vor. Name: Holycrab!  Die lokale Krebs-Population am Schultheisweiher ist vor den Feinschmeckern aber vermutlich sicher. Von Martin Kuhn

Das Team von Holycrab! zählt zu den Gewinnern des Wettbewerbs „Kultur- und Kreativpiloten“, der jedes Jahr von der Bundesregierung ausgelobt wird, um die deutsche Kreativwirtschaft zu fördern. Von den 759 Bewerbern wurden 96 zu Auswahlgesprächen eingeladen. 32 davon schafften es bis in das Programm – darunter Holycrab!, das Plagen wie den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs als kulinarische Besonderheit auf den Teller bringt und damit „Schädliches zu Gourmet-Street-Food“ verwandeln will. Als Gewinner erhält das Unternehmen nun ein einjähriges Coaching- & Mentoringprogramm, um die Idee weiter voranzutreiben.

Die entscheidenden Köpfe hinter Holycrab! sind Andreas Michelus, Saucier im Hotel de Rome, Juliane Bublitz, Zukunftsforscherin, und der Offenbacher Lukas Bosch, Experte für Geschäftsmodellentwicklung. „Die Limitationen im Umgang mit einer sogenannten Plage reizen mich besonders, denn sie erzeugen Kreativität,“ ist Koch Michelus von seiner Hauptzutat begeistert.

Die Gründer von „Holycrab!“ sind Lukas Bosch, Juliane Bublitz und Andreas Michelus.

„Plagen zu verarbeiten ist der Inbegriff von Unternehmertum: Wir nehmen etwas, was per se keinen Wert hat, was in unserem Fall sogar schädlich ist, und machen über die Wertschöpfung etwas Gutes daraus,“ erklärt Mitgründer Lukas Bosch, der sogar noch weiter geht in seiner Begeisterung: „Dabei stellen wir ein wirtschaftlich rentables Unternehmen auf die Beine, denn nur so können wir wirklich nachhaltig erfolgreich sein. Nachhaltig im ökonomischen, ökologischen und sozialen Sinne. Das alles geht für uns Hand in Hand“, betont Bosch. Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs ist für das Trio aber erst der Anfang. „Essbare Plagen“ sehen sie als ein globales Problem an.

Dabei fokussiert der Offenbacher – selbst aus dem fernen (Firmensitz) Berlin – den Blick auf den Bürgeler Schultheisweiher, wo „Procambarus clarkii“ im vergangenen Jahr als Problem erkannt wurde. Allerdings hat Umweltamtsleiterin Heike Hollerbach seinerzeit bereits abgewunken bei der Idee, die Krebse auf den Teller zu bringen. Das systematische Abfischen zum späteren Verzehr der invasiven Art verbiete sich im Mainbogen.

Das liegt an der Einstufung des Areals: Der Schultheisweiher ist ein Naturschutzgebiet. In den Verordnungen heißt es unter anderem: „Es ist verboten (...) wild lebenden Tieren nachzustellen, sie mutwillig zu beunruhigen, Vorrichtungen zu ihrem Fang anzubringen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten (...)“ Weil also Angeln und Fischen auch zum Eigenverbrauch prinzipiell verboten ist, fällt die Berliner Lösung in Bürgel flach.

Mithin steht der „Louisiana-Flusskrebs“ auf einer Liste der EU-Kommission mit eingewanderten Arten, die potenziell schädlich sind – etwa für einheimische Arten und Ökosysteme. Um ihn (nach Graskarpfen und Blaualgen) am Schultheisweiher zu verdrängen, setzt die Stadt weiter auf zwei Methoden: Bio-Manipulation und Befischung. Das hört sich zunächst simpel an, ist in einem Naturschutzgebiet aber streng geregelt.

Die Ausnahmegenehmigung der Oberen Fischereibehörde sagt dazu, dass „im Rahmen des Monitorings die Bestandsentwicklung des Roten Amerikanischen Sumpfkrebses im Schultheis durch Reusenbefischungen an zwei Terminen pro Jahr mit einem Aufwand von je 50 Reusennächten zu dokumentieren ist“. Das Papier muss zudem Aussagen zu der „Bestandsentwicklung“ beinhalten.

Hollerbach: „Die Auflagen sind streng, wir müssen jedes Jahr der Oberen Fischereibehörde einen Zwischenbericht vorlegen.“ Und bis spätestens 1. März 2021 ist der Oberen Fischereibehörde ein Abschlussbericht vorzulegen – inklusive einer Empfehlung für künftige Vorgehensweisen. Dann entscheidet die Fischereibehörde auch, ob die ausgesetzten Aale (ebenfalls gebietsfremd!), die als natürliche Fressefeinde der Krebse gelten, im Schultheisweiher verbleiben können.

Aufmerksam wurden die Behörden in den Sommermonaten 2015/16 auf das neue Problem: ausgerissene oder abgeschnittene Wasserpflanzensprossen auf dem See, ein überraschend starker Phosphorgehalt. Die Auffälligkeiten ließen auf Störungen im Gewässersediment schließen, ähnlich der durch Karpfen oder Brassen. Eine Fischbestandserhebung im April 2017 war jedoch hinsichtlich dieser Fischarten unergiebig – es wurde nur je ein Exemplar gefangen. Stattdessen wurden während der Fischbestandserhebung 25 bis 30 Exemplare des Roten Sumpfkrebs abgefischt.

Als im folgenden Sommer weitere Exemplare in Ufernähe beobachtet wurden, recherchierte die Verwaltung. Dabei wurden „die allgemein negativen Wirkungen einer Sumpfkrebsbesiedelung für die Wasserqualität und verschiedene Ökosystemfunktionen erkennbar“. Experten berechneten für den Schultheisweiher einen Wert von rund 2 400 Exemplaren pro Hektar – nur fangbare Krebse. Die Gesamtpopulation sei um den Faktor 5 bis 6 größer... Fazit: Damit sei der Fortbestand des Schultheis als Klarwassersee nach wie vor gefährdet.

Die Berlin-Offenbacher Geschäftsidee liegt lokal allenfalls auf Eis. Denn der Holycrap!-Horizont ist – wie angedeutet – weiter gesteckt. Lukas Bosch blickt voraus: „Je nachdem, wie sich die Situation im Rhein-Main-Gebiet diesbezüglich weiterentwickelt, könnte der Foodtruck durchaus Kunden des Offenbacher Wochenmarkts verköstigen...“

Infos im Internet unter holycrab.berlin/

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Zur Geschichte des Schultheis

1929 hatte hier im Mainbogen die Firma Schultheis damit begonnen, Sand und Kies abzubauen. Gerade in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren diese Rohstoffe gefragt. Doch weil die Bagger in nur drei Metern Tiefe auf Ton stießen, währte der Abbau nur bis in die 1960er Jahre. Manche der ausgebaggerten Flächen wurden mit Erdaushub, Bauschutt und Abfällen verfüllt 1975 wurde dies behördlich untersagt. Bis Ende der 1970er Jahre entstand zwischen Bürgel und Rumpenheim ein See von gut 20 Hektar Größe, der nicht nur Badegäste, sondern auch viele Vogelarten anlockte. Im Volksmund hieß er rasch Schultheisweiher. Der damalige Eigentümer, das Fechenheimer Chemiewerk Cassella, trat das Gelände an den Umlandverband ab. Der leitete zu Beginn der 1980er Jahre mit der Stadt die Entwicklung zu einem Erholungs-, Natur- und Landschaftsschutzgebiet ein. Doch immer wieder gerät das flache Gewässer aus seinem ökologischen Gleichgewicht.

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