Ein rotes Vorbild

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Margot Klug, Wolfgang Reuter und Günther Geh haben Leonhard Eißnert eine Broschüre gewidmet: „Der erste Rote im Offenbacher Magistrat.“

Offenbach - Es ging ein Beben durch das Deutsche Reich, als 1906 der hessische Großherzog der Wahl eines Offenbachers in den Magistrat der Stadt hoheitlichen Segen erteilte. Denn der nunmehrige ehrenamtliche Beigeordnete Leonhard Eißnert war Sozialdemokrat. Von Lothar R. Braun

Und Sozis in dieser Position gab es im ganzen Reich nicht. Dem Landesherrn Ernst Ludwig trug seine tolerante Entscheidung den Schmähnamen „roter Großherzog“ ein. Am 10. März sind 60 Jahre vergangen, seit Eißnert als Ehrenbürger Offenbachs starb.

Zum Jahrestag hat ihm die „Historische Kommission der Offenbacher SPD“ eine Broschüre gewidmet. Im „Verlag Offenbacher Editionen“ ist sie unter dem Titel „Der erste Rote im Offenbacher Magistrat“ erschienen. Als Vorsitzender der SPD-Historiker stellte Wolfgang Reuter, Oberbürgermeister der Jahre 1988 bis 1994, sie im Haus der Arbeiterwohlfahrt vor.

Das mit Fotos angereicherte 76-seitige Bändchen hat mehrere Autoren. Eißnert kommt dabei selbst zu Wort mit Erinnerungen an seine 26-jährige Dienstzeit als Beigeordneter, Bürgermeister und Landtagsabgeordneter. Günther Geh hat die vergilbten Texte wieder lesbar gemacht und ebenso wie Margot Klug („Mein Onkel Leonhard“) eigene Erinnerungen an Eißnert beigesteuert. Wolfgang Reuter schrieb über die Wahl von 1906, die so sehr als Skandal empfunden wurde, dass eine Frankfurter Zeitung anregte, preußische Truppen sollten im benachbarten Hessen Ordnung schaffen. Die Herausgeber fügten Zeitungsbeiträge über Eißnert bei, und allem vorangestellt ist ein Vorwort des Offenbacher SPD-Vorsitzenden Stephan Wildhirt.

Der schmale Band öffnet ein Fenster in eine zeitlich nahe und doch recht fern erscheinende Vergangenheit. Er lässt eine Persönlichkeit erkennen, die in Offenbach bleibende Spuren hinterließ. Der Grüngürtel vom Isenburgring zum Landgrafenring gilt als sein Werk. Die ersten Planungen für den Stadtteil Tempelsee werden ihm zugeschrieben und der Waldpark auf dem Bieberer Berg, der seit den 1960er Jahren „Leonhard-Eißnert-Park“ heißt. „Eißnert dachte und plante über lange Zeiträume hinweg“, bemerkt Günther Geh.

Nur noch aus Dokumenten indes lässt sich erfassen, wie Eißnert während des Ersten Weltkriegs als Beauftragter für Kriegsfürsorge den hungernden und darbenden Offenbachern beistand. „Er bleibt Offenbachs Kommunalpolitikern ein leuchtendes Vorbild“, sagt Wolfgang Reuter. Als Ruheständler seit 1932 lebte Eißnert im Haus Bieberer Straße 209. 1948, zum 82. Geburtstag zeichnete die Stadt Offenbach ihn mit der Ehrenbürger-Würde aus. Im öffentlichen Bewusstsein blieb sein Name durch die Benennung des Leonhard-Eißnert-Parks.

Mitglieder der Historischen SPD-Kommission wollen am kommenden Sonntag, 8. März, an Eißnerts Grab auf dem Alten Friedhof Blumen niederlegen. Es soll, sagt Wolfgang Reuter, „einen Mann ehren, der sich auf vielen Feldern um die Stadtentwicklung verdient machte“.


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