Debatte über Meinungsfreiheit und Religion

Reichlich Redebedarf an der Rudolf-Koch-Schule

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Moderiert von den ehemaligen RSK-Kollegen Guido Steffens und Heiner Piepho diskutierten Schulgemeinde, Eltern und Gäste in der Aula.

Offenbach - Das brutale Attentat auf das französische Satire-Blatt „Charlie Hebdo“ hat viele Fragen aufgeworfen. Von Jenny Bieniek 

Während der Westen darin vor allem einen Angriff auf grundlegende Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit sieht, geht es in der Debatte auch um unterschiedliche Auffassungen von Religion und die Frage, ob es Grenzen für Meinungsfreiheit geben muss oder sollte. In der Rudolf-Koch-Schule kamen gestern Schüler, Lehrer, Eltern sowie Repräsentanten der Stadt zusammen, um sich des Themas anzunehmen, darunter Felix Schwenke, Schuldezernent und ehemaliger Studienrat an der RKS, sowie Hüsamettin Erilmaz, Integrationsbeauftragter der Polizei.

„Wir wollten unseren Schülern mit dieser Veranstaltung ein Forum bieten, um die ohnehin stattfindenden Diskussionen vom Schulflur an einen zentralen Ort zu bringen“, so Schulleiterin Christiane Rogler. Eine Art gemeinschaftliches „Probedenken“, „man muss schließlich auch mal für den Mülleimer denken können, um Schubladen neu zu ordnen“, so Rogler. An Stellwänden hatten die Schüler zuvor die Möglichkeit, ihre Meinung schriftlich festzuhalten.

„Das Gefühl, religiös angegriffen worden zu sein, kann nicht zur Eingrenzung der Meinungsfreiheit führen“, beginnt Moderator Guido Steffens die Diskussionsrunde. Denn das subjektive Empfinden eines Einzelnen dürfe nicht höher gewertet werden als die gesetzlich verankerte Meinungsfreiheit, die für alle gleichermaßen gelte. Verhaltenes Klatschen in der Aula. Schuldezernent Schwenke stimmt dem zu, äußert gleichzeitig aber Verständnis für die Wahrnehmung mancher Muslime, die Gesellschaft sei in puncto Islamkritik großzügiger. Denn während Satire gegen Juden, Farbige oder Schwule als Antisemitismus, Rassismus oder Homophobie gewertet werde, würde Satire gegen Muslime gern mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit abgetan - so jedenfalls haben es die Schüler an der Wand notiert.

„Religion muss kritisierbar sein“, so Schwenke, denn diese zähle nicht unmittelbar zur Würde des Einzelnen. Diese Meinung teilen nicht alle der Anwesenden. „Es ist auch Teil der Würde, dass ich gut leben kann und keine Anfeindungen fürchten muss“, findet eine Schülerin, die ihren Glauben durch Karikaturen angegriffen sieht. „In Deutschland gibt es auch einen Paragrafen, der festlegt, dass Religion nicht beschimpft werden darf“, wirft ein Schüler ein. Muslime seien nicht gegen Meinungsfreiheit, forderten diese aber für alle. Auf Darstellungen etwa eines mit entblößten Genitalien knienden Propheten sollte verzichtet werden, findet eine andere Schülerin. „Niemand will, dass die Person, die einem nahe ist, auf diese Weise gedemütigt wird. Das ist geschmacklos, da wird Meinungsfreiheit übertrieben“, findet die junge Frau, deren Namen deshalb nicht im Text zu finden ist, weil die Mutter die Nennung unter Androhung einer Klage nachträglich untersagt hatte.

Im weiteren Verlauf der Diskussion werden viele Aspekte genannt, die die Komplexität des Themas verdeutlichen. Etwa die besondere Situation Deutschlands mit Blick auf die Nazi-Vergangenheit, zumal zum 70. Jahrestag der Befreiung Auschwitz’. Die Selbstzensur der angelsächsischen Länder, die ebenso wenig des Problems Lösung sein könne wie ein völliger Verzicht auf Religionskritik. Dass die Situation in Frankreich eine ganz andere als die hierzulande sei, betont Moderator Heiner Piepho, ehemaliger Französisch-Lehrer an der RKS, der selbst lange in Frankreich gelebt hat. Nicht zuletzt betonen die Teilnehmer, dass nicht Religion der Grund für Terrorismus sei, sondern gesellschaftliche Probleme, die es zu lösen gelte.

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