Künstlerbuch des Klingspormuseums im Unterricht eingesetzt

Aus Lenz wird Leuchte

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Buchkünstlerin Barbara Fahrner erläutert ihr Künstlerbuch RKS-Leiterin Christiane Rogler und Rudolf-Koch-Schülern.

Offenbach - Deutschkurs der anderen Art: Barbara Fahrner hat Georg Büchners Erzählung „Lenz“ zu einem Künstlerbuch verarbeitet. Der Kulturstiftung der Sparkasse ist zu verdanken, dass das Klingspormuseum das Werk erwerben konnte. Von Markus Terharn 

Es wird ab sofort im Unterricht an der Rudolf-Koch-Schule eingesetzt. „Den 20. Jazz ging Leuchte durchs Gebot“, liest Barbara Fahrner laut vor. Diesen Satz kennen die Gymnasiasten des Deutsch-Leistungskurses Q2 bei Elmar Gerhart und des Grundkurses Q2 bei Rudolf-Koch-Direktorin Christiane Rogler etwas anders: „Den 20. Januar ging Lenz durchs Gebirg.“ Was als Irritation beginnt, erweist sich als äußerst produktiver Umweg: „Lesen als kreative Begegnung mit dem Text“, findet Museumsdirektor Dr. Stefan Soltek. „Kennt ihr Oulipo?“, fragt Fahrner die Schüler, die sich unterm Dach des Klingspormuseums versammelt haben. Und erntet Kopfschütteln. Die Buchkünstlerin erläutert: „Das war eine Schriftstellergruppe.“ Die französische Abkürzung stehe für „Ouvroir de Littérature Potentielle“, Werkstatt für mögliche Literatur. Und so wie deren Mitglieder hat sich Fahrner das Leben kunstvoll schwer gemacht. „Ich habe Georg Büchners ,Lenz’ umgeschrieben, indem ich jedes Substantiv durch das jeweils fünfte im Wörterbuch folgende ersetzt habe.“ Mit diesem Ergebnis: Ginge das Original verloren, ließe es sich mithilfe ihres Buchs und des Wörterbuchs rekonstruieren.

„So ist aus Lenz Leuchte geworden“, führt Fahrner aus. Feder mutiert zu Fehlgeburt. Auch die Pronomina hat sie angepasst – was aufmerksamen Schülern gleich auffällt. Aus „Sein Dasein war ihm eine notwendige Last“ wird „Ihre Dattel war ihr eine notwendige Laterne.“ Das hat hohe poetische Qualität; kein Lyriker könnte das erfinden. Büchners Prosa von 1835, Szenen aus dem Leben des wahnsinnig werdenden Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz, hat Fahrner also nicht bloß illustriert; darauf legt sie Wert. Den Jugendlichen erzählt sie mehr, als sie eigentlich preisgeben möchte. „Welches Wörterbuch haben Sie benutzt?“, wollen die zum Beispiel wissen. „Das ist mein Trick“, antwortet Fahrner, um ihn dennoch zu verraten: „Langenscheidts Reisewörterbuch.“ Bei einem größeren Nachschlagewerk wären die neuen Wörter den ursprünglichen zu ähnlich gewesen; ebenso, wenn sie einen geringeren Abstand gewählt hätte.

Rudolf-Koch-Schule: Abiparty in Hausen (2014)

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Warum „Lenz“? Sie kenne die Novelle seit Schulzeiten, berichtet Fahrner. Außerdem habe sie’s mit Johann Wolfgang von Goethes „Märchen“ probiert: „Das geht nicht!“ Ihr Lieblingsautor sei indes E. T. A. Hoffmann. „Vielleicht versuche ich es einmal mit ,Der Sandmann’...“ Wie lange sie gebraucht hat? „Ein halbes bis ein Dreivierteljahr“, schätzt Fahrner. Galt es doch, den Text in seiner veränderten Form handschriftlich ins Großformat zu übertragen und so aufwändig wie fantasievoll zu bebildern.

Solche Arbeit hat ihren Wert: 8000 Euro müsste ein Sammler dafür hinlegen. Dem Museum hat Fahrner, die ein Medizinstudium abgebrochen hat, um ihr Künstlertum zu leben, einen Freundschaftspreis gemacht: 5000 Euro. „Das ist der Etat, den die Stadt im Jahr für Neuanschaffungen gibt“, so Soltek. Er dankt der Kulturstiftung der Sparkasse, die die Hälfte zur Verfügung gestellt hat. Unterricht im Klingspor ist für die RKS übrigens nichts Außergewöhnliches, betont Schulleiterin Rogler. Besuche und Abi-Prüfungen finden da statt. Gern will Soltek die Kooperation vertiefen. So hat er die Schüler zur Frankfurter Buchmesse eingeladen, wo das Museum ebenso mit einem Stand vertreten ist wie Buchkünstlerin Fahrner.

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