Rückblick auf die Amtszeit des Offenbacher OB

Horst Schneider - eine Ära mit Wirkung

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Für viele Entwicklungen hat Horst Schneider den Anstoß gegeben - nicht nur für die öffentliche Übertragung eines Länderspiels im Ringcenter.

Offenbach - Vom Bürgermeister- auf den Oberbürgermeister-Sessel und für die folgenden sechs Jahre wiedergewählt: Morgen endet die Amtszeit von Offenbachs OB Horst Schneider. Ein Rückblick. Von Thomas Kirstein 

Fast zum Schluss seiner morgen Abend endenden Amtszeit ereilte Horst Schneider herausragende Anerkennung: Die weltweite Forschungs- und Bildungsorganisation Urban Land Institute (ULI) verlieh dem Offenbacher Oberbürgermeister den „Germany Leadership Award“, den Deutschland-Preis für Führungspersonen, die sich durch „zukunftsorientiertes, nachhaltiges Denken und Handeln“ auszeichnen.

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Das wird unserem OB runtergegangen sein wie Öl. Ungetrübt von lokalpolitischer Kleinteiligkeit würdigen Außenstehende seine Vision, „die Stadt zu einem lebenswerten Ort inmitten des Rhein-Main-Gebiets zu entwickeln“. ULI findet, das habe er mit „politischem Geschick und Feingefühl im Umgang mit allen Beteiligten“ umgesetzt. Auf dem aus solchen Lobfäden gewebten fliegenden Teppich schwebt’s sich angenehm in den Ruhestand.

Markenzeichen: das rote Faltrad mit Kickers-Schal.

Der zweimal sechsjährige Flug des Horst Schneider litt freilich auch unter Turbulenzen. Nicht jeder in Offenbach würde die zitierte Laudatio unterschreiben. Der aktuelle CDU-Fraktionschef etwa nimmt den sozialdemokratischen Verwaltungschef lieber für so ziemlich jede Fehlentwicklung Offenbachs des vergangenen Jahres-Dutzends in persönliche Haftung.

Schneiders Regierungsstil ist locker, auf lässige Außenwirkung angelegt. Würdevolle Distanz ist seine Sache nicht, mit wachsender OB-Routine sucht er, dem zu Beginn ein wenig Arroganz unterstellt wurde, die schulterklopfende Nähe zu den Bürgern. Seine Lockerheit legt ihm die langjährige Opposition gern als mangelnde Verlässlichkeit aus.

Tatsächlich ist der Schullehrer und Ex-Schulrat Horst Schneider kein detailverliebter Verwaltungsmensch, keiner, dem Paragrafen, Satzungen und Gemeindeordnung die alleinige Maxime des Denkens und Handels bilden. Da eckt er bei politischen Partnern ebenso an wie bei diversen Mitarbeitern, denen der Chef bisweilen zu unverbindlich ist.

Dem Horst geht es seit jeher ums große Ganze, da dürfen, dem Zweck dienend, Fünfe auch mal grade sein, da läuft ihm das Herz über mit folgenschweren Äußerungen, die eine vorherige akribische Kalkulation hätte vermeiden können. Bei einer Mehrheit der Wähler ist der bei offiziellen Auftritten meist fröhliche wirkende Ur-Offenbacher gut angekommen. 2005 hieven sie ihn als Nachfolger des in die Bankenwirtschaft gewechselten Parteifreunds Gerhard Grandke gleich im ersten Direktwahlgang vom Bürgermeister- auf den Oberbürgermeister-Sessel. 2011 schlägt Schneider den CDU-Konkurrenten Peter Freier in der Stichwahl klar.

Spottobjekt: Der Besen fürs Römertreppen-Kehren - auch wenn die damalige Frankfurter Kollegin Petra Roth mithilft.

Manchmal scheint Horst Schneider das Fettnäpfchen regelrecht gesucht zu haben. Mit Wochenmarkt-Beschickern verdirbt er’s sich durch seine Idee, der Wilhelmsplatz könne zur überdachten Markthalle werden. Als es auf einem Podium um Ängste junger Mädchen geht, rutscht ihm raus, der OB könne ja nicht jede Schülerin persönlich begleiten. Er selbst gesteht, manche Wirkung nicht ausreichend antizipiert zu haben. In diese Kategorie gehört die legendäre verlorene Wette mit Tigerpalast-Boss Johnny Klinke, nach der er die Frankfurter Römer-Treppe fegen muss.

 Die eigene Partei – der Genosse Horst ist gewiss keiner ihrer ganz treuen Soldaten – hat zeitweilig mit dem eigensinnigen OB zu hadern. 2006 verweigert er sich öffentlich der auch von der SPD befürworteten Vergrößerung des Profimagistrats. Dass er letztlich scheitert, treibt ihm die Lust auf Alleingänge nicht aus. 2009 torpediert er erfolgreich die Ambitionen seines Parteichefs Stephan Wildhirt auf den Posten des Stadtwerke-Geschäftsführer.

2012 schafft es der OB gegen den Widerstand seiner Kollegen Peter Schneider (Grüne) und Felix Schwenke (SPD), den Magistrat wieder aufs Trio zu reduzieren. Im gleichen Jahr legt er sich mit den beiden an, als die Stadt unter den Schutzschirm des Landes schlüpfen soll; bis heute einmalig, bringt der OB eine Vorlage ohne Magistratsbeschluss ins Parlament ein.

Weggefährtin privat: Horst Schneider mit seiner Ehefrau Konstanze bei einem Empfang zu seinem 65. Geburtstag.

Zu seinem 60. Geburtstag vor fünf Jahren attestiert ihm der ehemalige IHK-Präsident Dr. Wolfgang Kappus, „die kleinkarierte Sichtweise eines ordentlichen, sparsamen Buchhändlers ist ihm suspekt“. Das hat den Horst Schneider nicht daran gehindert, zeitweilig auch die Position des Stadtkämmerers zu bekleiden. Sport- und Kulturdezernat lagen ihm sicherlich näher. Als Rathaus-Personalchef kostet ihn eine eher verunglückt kommunizierte Stellenneubewertung die ein oder andere Loyalität auf Amtsleiterebene. Die Herzensangelegenheit schlechthin sind ihm jedoch immer Stadtplanung und -gestaltung, bei denen er sich nur selten beirren ließ.

Auch wenn es böses Blut bei Marktbeschickern und zur Zahlung verpflichteten Anliegern gab, ist etwa der Wilhelmsplatz-Umbau, bei aller Kritik an Details und bei unvollkommener Verkehrsregelung, gelungen. Mit dem absurden, aber unausrottbaren Vorwurf, die Fällung von Wilhelmsplatz-Kastanien sei keine Verkettung dummer Umstände gewesen, sondern vom „Baum-Schneider“ betrieben, kann er inzwischen wohl leben. Zu dem, was mit seinem Namen verbunden bleibt, zählt auch sein Anteil als Planungsdezernent an Entwicklungen, die inzwischen fast als Selbstverständlichkeit gelten. Zur Hälfte seiner ersten Amtszeit schalt ihn die Opposition noch, auf baulicher Ebene sei nichts gelungen.

Sieg in der Stichwahl 2011:

Horst Schneider bleibt Oberbürgermeister

Heute wirken ein bevölkerter Hafen, das zum Eigenheim-Viertel umfunktionierte Elendsquartier Lohwald und die zwischenzeitliche Bebauung fast jeder verfügbaren Lücke wie die Verwirklichung eines Traums des jüngeren Horsts. „Wir brauchen Offenbach als attraktiven Wohnstandort“, hat er schon als 39-jähriger SPD-Fraktionschef im OP-Interview gesagt.

Als Dezernent treibt er voran, was immer ihm möglich ist. Er hat Offenbach schon früh als Braut für die Immobilienbranche so geschmückt, dass die Stadt empfängnisbereit für einen Bauboom sein würde. Und der kam dann ja auch mit fruchtbarer Wucht.

Weggefährtin beruflich: Bei der Ehrung der langjährigen SPD-Stadträtin Annerose Bovet.

Er hat das wohl nur selten bezweifelt. Für den unerschütterlichen Optimisten Schneider ist das Glas immer halb voll – manchmal hat er das so überschwänglich vermittelt, als sei Potenzial fürs Auffüllen bis zum Eichstrich eine realistische Option und nicht nur Wunschdenken. So wirkt er auch in ganz ernsten Lagen nur selten verkniffen, setzt sich damit aber bisweilen der Gefahr aus, dass seine Nonchalance als unangemessene Flapsigkeit interpretiert wird. Traditionalisten bemängeln seinen zeitweilig kaum formalen Kleidungsstil (er liebt Batschkapp und flott geschlungenen Schal). Auch eines seiner Markenzeichen zieht Kritik auf sich: Dass er zu offiziellen Anlässen auf dem roten Klapp-Birdy nach Frankfurt strampelt, wurde als mit der Würde des Amts nicht vereinbar betrachtet.

Das ist die bekannt selbstkritische Offenbacher Sicht. Auf dem Parkett der Nachbarstadt bewegt er sich immer souverän, beim nachbarstädtischen Pas de deux mit Kollegin Petra Roth oder Kollege Peter Feldmann vermittelt er überzeugend den Eindruck von Augenhöhe. Die Annäherung der kleinen an die große Großstadt, die für ihn beide nicht ohne einander können, ist ihm immer (manche addieren ein „zu“) wichtig.

Mit Batschkapp und (nicht ganz freiwillig) Protestschild: Ein OB demonstriert gegen Fluglärm.

Horst Schneider ist kein Mensch, der an Widersprüchen verzweifelt. Sein „Mit mir nie!“ zum Magistratsquartett hat er 2006 genauso schnell abgehakt, wie er 2008 20 Landes-Millionen für ein Stadion zunächst als „vergiftetes Geschenk“ schmäht und dann doch zum Neubau-Protagonisten wird. Ein „Mit mir nicht!“ ohne lange Haltbarkeit verbindet sich mit dem tragischsten Schatten, der auf seiner Amtszeit lastet: Mit ihm werde das Stadtkrankenhaus nicht für armselige 42 Millionen Euro verschleudert, hat er getönt. Am Ende ging die Klinik aus Landesdruck für einen Euro plus 300 Millionen zusätzliche Schulden weg. Das haben jedoch viele zu verantworten.

Dem OB Schneider lasten Kritiker ein Abweichen von der reinen Sparsamkeitslehre seines Vorgängers an. Aber Kosmetik, die den Ort für wirtschaftliche Ansiedlungen und neue Bewohner gleichermaßen attraktiv macht, kostet halt Geld. „Sparen allein reicht nicht aus. Offenbach muss aus der Krise herauswachsen“, schrieb er 2006 ins „Haushaltssanierungskonzept“. Eine notwendige Kurskorrektur, findet die FDP.

Sekt oder Selters? Eine Frage, die sich dem OB einer armen Stadt immer wieder stellt.

Die Ära Schneider ist vorbei, es war eine mit Wirkung. Verlorene zwölf Jahre waren es nicht, das unter ihm weltoffen gebliebene Offenbach hat unter ihm an vielen Stellen ihr Gesicht zum größtenteils Besseren verändert. Es waren auch unterhaltsame Jahre mit einem, der die Vorliebe für französisches Savoir-vivre ins Amt übertragen konnte. Einer, der mit ihm regiert und gegen ihn opponiert hat, der liberale Fraktionschef Oliver Stirböck, bringt es gar auf ein ausgesprochen euphorisches Fazit: „Unter den Kollegen in der Region ragte er mit seiner Ausstrahlung heraus. Er war im regionalen, aber auch im Vergleich der Offenbacher Amtsträger ein großer OB.“

Horst Schneider - persönliche Daten:

Horst Schneider wird am 13. Februar 1952 in Offenbach geboren, die Eltern entstammen einer Arbeiterfamilie. Hier besuchte er das Leibnizgymnasium, in Frankfurt studierte er auf Lehramt (er war Pädagoge in Offenbach und Hanau-Großauheim und Schulamtsdirektor). Mit Gattin Konstanze, ebenfalls Offenbacherin und Lehrerin, hat er zwei erwachsene Söhne. Im Ruhestand steht auch Enkelbetreuung an. Zur SPD stieß er 1972, wurde 1989 Stadtverordneter, 1991 Fraktionschef, 2004 Bürgermeister (1994 scheiterte er damit noch an Koalitionsintrigen) und 2006 OB als Nachfolger von Gerhard Grandke.

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