Den Rückstau gezielt verlagern

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Das tägliche Stickoxid im Rückstau...

Offenbach - Die Wohngebiete rund um die Kreuzung Bieberer Straße/Rhönstraße/Untere Grenzstraße gehören zu den am stärksten mit Autoabgasen belasteteten Gebieten der Stadt. Von Thomas Kirstein

Besonders wenn sich bei bestimmten Wetterbedingungen die Autos im Berufsverkehr zurückstauen, wird die Luft mit Feinstaub und Stickoxid über die erlaubten Grenzwerte hinaus geschwängert.

Das ließe sich mit einer Maßnahme ändern, die sich nach einem einfachen Trick anhört: wenn es notwendig ist, den Rückstau mittels intelligenter Ampelschaltung bereits in Höhe Stadion und Richtung der unbewohnten Bundesstraße 448 produzieren. Den Pendlern kann’s schließlich egal sein, ob sie auf dem Gipfel oder am Fuß des Bieberer Bergs ausharren müssen.

Diese Verkehrs-Vision für eine nicht ganz so ferne Zukunft ist konkreter Ausfluss eines bundesweit erstmaligen Projekts der Technischen Universität (TU) Darmstadt, die sich Offenbach für ihre Feldstudien ausgesucht hat und das gestern im Rathaus vorgestellt wurde.

„Wir haben in Offenbach Neuland betreten“

Dabei geht es darum, wie über die Steuerung des Verkehrs die Luft an bestimmteten Stellen entlastet werden kann. Sperriger Titel: „Entwicklung von Strategien zur Luftreinhaltung als Element einer situationsabhängien, umweltorientierten Verkehrssteuerung durch Maßnahmen der Verkehrslenkung.“ Das eingangs beschriebene Vorgehen wäre eine solche.

Bezahlt hat das Projekt die Regional-GmbH Integriertes Verkehrsmanagement Rhein-Main (IVM), deren Geschäftsführer Jürg Sparmann dereinst die in Offenbach gemachten Erfahrungen auf andere Kommunen übertragen möchte.

Das TU-Projekt kann auch als Gegenentwurf zu starren örtlichen Maßnahmen zur Luftreinhaltung wie Umweltzonen oder Durchfahrtsverbote betrachtet werden. Diese wirken sich schließlich meist negativ auf die Nachbarschaft aus. „Als Darmstadt seine Straßen für den Lkw-Durchgangsverkehr dicht gemacht hat, bekam das der Kreis Offenbach zu spüren“, erinnert Sparmann.

„Wir haben in Offenbach Neuland betreten“, sagt Professor Dr.-Ing. Manfred Boltze vom Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU. Gut untersucht sind nach seinen Worten bislang die Emissionen, also das, was aus dem Auspuff rauskommt. Für die Immissionen, also das was ankommt, ist das kaum der Fall. Noch nie seien derart viele verschiedene Faktoren miteinander verknüpft worden, sagte Boltze.

Mittelwert von 34 Mikrogramm liegt unter dem Jahresgrenzwert

Gemessen wurde an der Unteren Grenzstraße, wo täglich 33.000 Autos passieren, und an der Bieberer Straße (29.000 Autos).

Die Darmstädter Experten ermittelten in diesem März zudem die Belastungen: an Stickoxid (im Mittel 47 Mikrogramm, der Jahresgrenzwert liegt bei 40), das für Krankheiten der Atemwege verantwortlich gemacht wird; an Feinstaub, gegen den Umweltzonen helfen sollen - der Mittelwert von 34 Mikrogramm liegt unter dem Jahresgrenzwert von 40.

Dazu kamen Messungen von Windgeschwindigkeit und -richtung, Temperatur, Globalstrahlung, Ozon und Niederschlag. Belastung, klimatische Verhältnisse setzten die Forscher dann ins Verhältnis zu Verkehrs- und Schwerverkehrsstärke sowie Rückstaulänge.

So ermittelten sie signifikante Zusammenhänge, von denen manche im ersten Moment vielleicht banal erscheinen: etwa dass weniger Schadstoffe durch die Luft flirren, wenn es regnet. Aber erstmals fließt so etwas als verwertbarer Datensatz in ein - jetzt entwickeltes - Rechenmodell ein, das verlässliche Angaben erlaubt, wann an bestimmten Orten welche Belastung zu erwarten ist.

„Damit lassen sich effektive kommunale Maßnahmen einleiten“, ist sich Professor Boltze sicher. Das können temporäre Tempolimits, Sperrungen für bestimmte Fahrzeugtypen oder Schaltung von Pförtnerampeln sein. Für das Projektgebiet Bieberer Straße/Rhönstraße beispielsweise haben die Darmstädter ermittelt, dass sich durch Vermeidung beziehungsweise Verlagerung des morgendlichen und abendlichen Rückstaus 20 Prozent des Stickoxids und 15 Prozent des Feinstaubs vermeiden lassen. „In den kritischen Zeiten bei kritischen Bedingungen gezielt einzugreifen bringt mehr als generelle Beschränkungen“, befindet der Professor.

Die technischen Voraussetzungen sind in Offenbach gegeben, wie Oberbürgermeister Horst Schneider und sein Verkehrsplaner Joachim Bier-Kruse bestätigen. Der neue Verkehrsrechner, 2010 installiert und 850 000 Euro teuer, könnte dank der Online-Übermittlung tatsächlicher Daten und verlässlicher Simulationen eines Tages direkte Eingriffe erlauben. Wann, darauf will sich Bier-Kruse nicht festlegen.

Offenbach war das „Versuchskaninchen“ (Jürg Sparmann). Der Oberbürgermeister fände die Erweiterung der hier an einer Stelle gewonnenen Erkenntnisse auf ein flächendeckendes Konzept sinnvoll. Die TU, die jetzt an einer Stelle eine grundsätzliche Methodik entwickeln konnte, würde die Stadt gern weiter begleiten. IVM-Geschäftsführer Sparmann signalisiert finanzielle Beteiligung.

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