Ort der Ruhe und Besinnung

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Der Islam hat seine eigenen Traditionen und Riten - auch bei Bestattungen. Auf dem muslimischen Teil des Neuen Friedhofs kam Abdelkader Rafoud, Vorsitzender des Ausländerbeirats, zu Wort.

Offenbach - An kaum einem anderen Ort bleiben die Fragen so offen wie auf dem Friedhof. Das Leben – reduziert auf zwei Daten. Von Stefan Mangold

In vielen Gräbern liegen Ehepaare. In Marmor gemeißelt steht der Name einer Frau, die weit älter als neunzig Jahre alt wurde. Mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachte sie im Familienstand der Witwe. Der Gatte verstarb kaum älter als 50 Jahre. Es bleibt offen, in welcher Stimmung die Frau die Jahrzehnte durchlebte. In Todesanzeigen steht mitunter der Satz: „Zu jung verschieden“. Das könnte zum Mann passen, der kurz nach seinem 30. Geburtstag starb. Auf dessen Grabmal liest der Vorübergehende: „Weine nicht an meinem Grabe, weil ich es im Himmel schöner habe“.

„Raum, der im Leben steht, sich aber mit den Toten auseinandersetzt“

Die ESO-Friedhofsverwaltung lud zum Tag der offenen Tür auf den Neuen Friedhof. „Es gibt eine Scheu, sich einen Friedhof anzusehen“, sagt Stadtrat Paul-Gerhard Weiß während seiner Begrüßung. Das Begegnungszentrum, das nach einem Umbau des alten Verwaltungsgebäude auf dem Friedhof bald stehen soll, „kann helfen, diese Scheu abzubauen“. Noch fehlt das Geld. Der ehemalige evangelische Pfarrer Alexander Kaestner hofft auf finanzielles Engagement des Stadtbetriebs und sucht nach Spendern. Katholiken, Juden und Protestanten engagieren sich dafür. „Ein Treffpunkt für Trauernde“ soll der Ort werden, wo sie Raum finden, „um sich miteinander austauschen zu können“. Ein Bedürfnis, das offensichtlich besteht, wie Gabriele Schreiber, die Leiterin des Friedhofs, bestätigt. Oft kämen Angehörige in ihr Büro, um bürokratische Verfahren zu klären. Nicht selten entwickele sich dann ein persönliches Gespräch über deren seelischen Zustand. „Wir wollen keine zweite Trauerhalle bauen“, betont der Architekt Alfred Jacobi, von dem Entwürfe stammen, wie sich das alte Haus in neuem Gewand präsentieren könnte. Jacobi, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Offenbach, sprach von „einem Raum, der im Leben steht, sich aber mit den Toten auseinandersetzt“.

Zwei Mitglieder des Ensemble La Gioia Armonica spielten Sonaten für Orgel (Jürgen Banholzer) und Psalterium (Margit Übellacker) der italienischen Komponisten Carlo Monza und Melchior Chiesa.

Der Neue Friedhof entstand 1939

Auf dem Friedhof liegen Verstorbene vieler Glaubensrichtungen. Eine Parzelle ist jüdisch, eine andere muslimisch. Die Religionslehrerin Susanne Pfeffer erzählt von den jüdischen Ritualen zur Beerdigung, dem schlichten Sarg und den weißen Totenkleidern, „ein großes Brimborium findet bei den Juden nicht statt“. Der Glaube verbiete, die Leichen übereinander im Erdreich zu stapeln. Denn am „Jüngsten Tag“ müssten alle die Möglichkeit bekommen, aus dem Grab zu steigen.

Auf dem muslimischen Teil bittet Gabriele Schreiber Abdelkader Rafoud, Sozialdemokrat und Vorsitzender des Ausländerbeirats, die islamischen Rituale zu erklären. „Wenn jemand morgens stirbt, sollte er abends unter der Erde liegen“, erläutert Rafoud. Eine andere muslimische Vorschrift beißt sich mit der deutschen Friedhofsordnung. Die schreibt einen Sarg vor, Muslime aber hüllen ihre Toten in ein Tuch. Der Kompromiss sehe so aus, „dass der Deckel offen bleibt und die Erde direkt den Toten bedeckt“.

Der Neue Friedhof entstand 1939. Es dauerte nicht lange, bis Teile des Friedhofs nach Luftangriffen als Massengrab herhalten mussten. Kleine Platten mit den Namen der Toten liegen in Reihen nebeneinander. Noch heute, sagt Gabriele Schreiber, nahezu siebzig Jahre nach den Bombardements, „stellen Leute Kerzen und Blumen auf einzelne Gräber“.

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