Ruinöser Denkmalschutz

Wer sieht einen Unterschied in der Fensterlupe? Volker Hirschmüller ist Eigentümer der Bildstockstraße 21 (rechts) mit sechs unzulässigen Kunststofffenstern (die Gaubenfenster sind, weil früher eingebaut, unbeanstandet). In der Hausnummer 19 (ganz rechts) fasst ebenfalls Kunststoff die Scheiben, in den Hausnummern 23 und 25 vorschriftsmäßiges Holz.Foto: Kirstein

Offenbach - Volker Hirschmüller hat ein bisschen was von Michael Kohlhaas. Aber anders als dem Kleistschen Rebellen, der sich obrigkeitlicher Willkür nicht beugen will, droht dem Offenbacher kein Schafott. Höchstens Hartz IV.

Seit knapp 20 Jahren will der städtische Denkmalschutz den heute 53-Jährigen mit allen juristischen Mitteln zwingen, sechs Kunststofffenster in seinem Haus an der Bildstockstraße gegen hölzerne auszutauschen. Die Gegenwehr von Hirschmüller füllt Gerichtsordner und Zeitungsseiten. Jetzt fürchtet der Bürgeler den Ruin.

500 Euro Zwangsgeld pro Fenster soll er zahlen, weil er den Austausch nicht, wie 2003 in einem gerichtlichen Vergleich ausgemacht, bis Ende 2008 vorgenommen hat. „Meine wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich in den fünf Jahren drastisch verändert, ich kann es mir nicht leisten, funktionierende Fenster rauszuwerfen, ich kriege dafür ja auch kein Geld von der Bank“, sagt der gelernte Techniker.

Er und seine Frau leben von den Einnahmen aus drei Mietswohnungen im lange noch nicht abbezahlten Haus Bildstockstraße 21 und von ihren Einkünften als Altenpflegerin. Die Familie knabbert immer noch daran, dass sie 2006 Mietnomaden aufgesessen ist und 10 000 Euro abschreiben musste.

Dass den Hirschmüllers in zehn Tagen die Vollstreckung des Zwangsgelds bevorstehen könnte, verdankt sich der Hartnäckigkeit des städtischen Denkmalschützers Helmut Reinhardt, inzwischen vom Stellvertreter zum Chef der Bauaufsicht avanciert. 1992 unterliegt die Behörde in einem Zivilprozess, in dem sie Volker Hirschmüller auf 5000 Mark Bußgeld und den auf 15 000 Mark geschätzten Fenstertausch verklagt hat. Amtsrichter Dieter Gußmann befindet damals, ein Amt dürfe von Bürgern nichts Unzumutbares verlangen, der Denkmalschutz scheine ausgeufert zu sein. Auf die Anmerkung des Richters, dass der Laie keinen Unterschied zwischen Kunststoff und Holz erkennen könne, entgegnet Reinhardt, dass der Laie dann halt geschult werden müsse.

Fünf Jahre später ist die Stadt in einem ähnlichen Fall vorm Verwaltungsgericht erfolgreich, und der Beamte Reinhardt erinnert sich an den renitenten Hirschmüller. Auf Verfügungen folgen Einsprüche, wegen Verfahrensfehlern verläuft der Vorstoß von 1997 aber im Sand.

Sechs Jahre danach triumphiert die Stadt. Das Verwaltungsgericht Darmstadt macht Hirschmüller klar, dass er verurteilt würde, und legt ihm einen Vergleich nahe. Er lässt sich darauf ein, weil ihm das Gerichtskosten erspart. Ein Kompromiss, der ihn inzwischen um seine Existenz fürchten lässt.

Hoffnung macht Stadtsprecher Matthias Müller, der aktuell zum Fall Stellung nimmt - Denkmalschützer Reinhardt ist wegen eines Unfalls für längere Zeit außer Gefecht. „Wir treiben niemanden in den Ruin“, versichert er im Namen des zuständigen Dezernenten, Oberbürgermeister Horst Schneider. „Aber es gibt nunmal Regeln, und die gelten für alle.“ Für Müller ist Volker Hirschmüller weniger Kohlhaas als ein Schweijk, der sich trickreich um Auflagen des Staates drückt.

Tatsächlich hat sich der Bürgeler bewusst Vorgaben widersetzt, die er für überzogen, unzumutbar und gegen das Gebot der Gleichbehandlung verstoßend empfindet.

1986 kaufte er sein 1905 erbautes Haus, nicht ahnend, dass es bald zu einem denkmalgeschützten Ensemble gehören sollte. Als er das 1991 durch die Amtlichen Bekanntmachungen erfährt, begeht er den folgenschweren Fehler, sich von der Denkmalbehörde Tipps für eine möglichst originalgetreue Fassadengestaltung holen zu wollen. Stattdessen bekommt er den deutlichen Hinweis auf die Holzfenster-Pflicht.

Trotzdem, und weil im Haus Nummer 19 auch gerade welche eingebaut werden, wählt Hirschmüller schadstoffarmen und recycelbaren Kunststoff, weil der deutlich preiswerter ist und keine teure regelmäßige Pflege erfordert. Daraus soll ihm der Strick gedreht werden.

Sein Nachbar hat übrigens nichts zu befürchten und darf die Plastikrahmen behalten - er hatte ja nicht nachgefragt. So bleiben in vielen Offenbacher Baudenkmälern Kunststofffenster unbeanstandet, weil die Besitzer vorm Einbau nicht von Amts wegen informiert gewesen waren.

Volker Hirschmüller muss inzwischen um jenen Immobilienbesitz bangen, der es ihm noch ermöglicht, dem Staat nicht als Hilfsempfänger auf der Tasche zu liegen. „Ich könnte mich heute noch ohrfeigen, dass ich damals so treudoof ins Rathaus gelaufen bin“, sagt er. Trotz allen Ärgers mit der Stadt engagiert er sich ehrenamtlich im Jugendzentrum Waldhof. Das ist etwas, was ihn deutlich vom verbitterten Kohlhaas unterscheidet.

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