Siesta in luftiger Höhe

Mühlheimer Naturschützer belegt Waschbär-Vorkommen im Schlosspark in Rumpenheim

Von der Baumkolonne aus dem Mittagschlaf gerissen: Rembert Gödde war genau richtig zur Stelle. 
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Von der Baumkolonne aus dem Mittagschlaf gerissen: Rembert Gödde war genau richtig zur Stelle. 

Ein Mühlheimer Naturschützer belegt das Vorkommen von Waschbären im Schlosspark in Rumpenheim (Offenbach).

Rumpenheim – Der pelzige Parkbesucher genießt die mittägliche Wintersonne in erhöhter Position. Tief schlafend hängt er sechs Meter über dem Boden in einer Astgabel. Dann aber ist es mit der Ruhe vorbei, Mitarbeiter des ESO-Baumpflegetrupps werfen ihre Kettensägen an. Der Schläfer schreckt auf – aber nur kurz. Und setzt seine Siesta auch mindestens die nächsten drei Stunden in luftiger Höhe fort.

Die möglicherweise erste dokumentierte Waschbär-Sichtung im Rumpenheimer Schlosspark ist Rembert Gödde vom Mühlheimer NABU zu verdanken. Seine Beobachtung meldete er auch im „Faunanet“ der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON).

In anderen Teilen Offenbachs sind Waschbären schon länger heimisch, erste Mitteilungen über ihr Auftreten wurden dem städtischen Umweltamt 2006 gemacht. Beziffern lässt sich die Stärke ihrer Population allerdings nicht. Was in der freien Natur, in Feld, Wald und auch im Park putzig wirkt, kann freilich im bebauten Gebiet lästig werden. „Im Innenstadtbereich haben auch schon diverse Schädlingsbekämpfer mit Waschbären zu tun gehabt, vor allem, was Vergrämungsmaßnahmen angeht“, weiß Umweltamtschefin Heike Hollerbach.

Ihre Behörde erreichten praktisch aus allen Stadtrandbereichen schon Meldungen, aus Bürgel, von der Eduard-Oehler-Straße, der Lauterborner Manchotstraße. Am Dreiherrnsteinweg am Wildhof, so erinnert sich Hollerbach, wurde 2017 ein Muttertier überfahren; die beiden Jungen kamen in eine Wildtierstation im Kreis.

Entlang des Bieberbachs, insbesondere nördlich der Bundesstraße 448, finden sich immer wieder Waschbärspuren. Die Fachleute im Umweltamt gehen davon aus, dass dort mehrere Individuen leben. „Die Gärtner dort haben gewiss schon einen gewissen Schwund bei ihrem Obst bemerkt“, weiß Heike Hollerbach. Ansonsten vergnügen die Tiere sich auch gerne in Streuobstwiesen.

Wer ganz sicher Waschbären beobachten möchte, geht in den Waldzoo: Die Einrichtung am Nassen Dreieck beherbergt eine Familie, die ursprünglich wild in Offenbach gelebt hat.

Was die Begegnung im Rumpenheimer Schlosspark ungewöhnlich macht: Sie fand tagsüber statt. Normalerweise lassen sich die nachtaktiven Tiere bei Tageslicht nicht blicken. Im Herbst vor vier Jahren konnte unsere Zeitung den nächtlichen Besuch einer Waschbärenbande auf der Terrasse der Familie H. in Tempelsee dokumentieren. Eine im Baum hängende automatische Kamera hatte das rege „Wildlife“ festgehalten. „Sie richten bisweilen gehöriges Durcheinander an, aber keine nennenswerten Schäden“, war damals zu berichten.

Der Waschbär steht auf der EU-Unionsliste der invasiven Arten, wie die Nilgans am Main oder der Rote Amerikanische Sumpfkrebs im Schultheisweiher, und darf außerhalb von Schonzeiten bejagt werden. Ursprünglich stammen die Kleinbären aus Nordamerika. Nach Hessen sind sie als Pelztiere gelangt. Einigen gelang die Flucht. In den 1930er-Jahren ist am Edersee ein Paar freigelassen worden. Alle in Deutschland beheimateten Waschbären stammen von diesen wenigen Tieren ab.

Die „Jahresjagdstrecke Bundesrepublik Deutschland“ weist für 2017/18 172 549 erlegte Exemplare aus, 38 451 mehr als im Vorjahr. Trotzdem klagt Hessens Landesjagdverband über die 2016 in Kraft getretene neue Jagdverordnung, die den Waschbär vom 1. März bis zum 31. Juli unter Schutz stellt: In einigen Regionen habe er sich explosionsartig vermehrt, besonders in Nordhessen sei das eine Katastrophe. Betroffene Hausbesitzer sollen Schäden melden; der Verband sammelt diese und leitet sie an die „politischen Entscheidungsträger“ weiter.

Auch in Offenbach wird das Wesen der niedlich wirkenden Einwanderer bisweilen zum Unwesen. „Problematisch wird es mit den Kerlchen, wenn sie in Wohnungen oder Dachböden eindringen, wie in Lauterborn passiert“, sagt Heike Hollerbach. Am Wildhof haben sie Mülltonnen ausgeräumt, am Dreiherrnsteinweg fielen sie über Nistkästen her und haben eine Meisenbrut gefressen. „Ihr Appetit ist nahezu grenzenlos, sie fressen alles, leider auch Eier und Küken“, bedauert die Offenbacher Umweltamtsleiterin.

Wer sein Heim gegen unwillkommene vierbeinige Mitbewohner sichern will, schaut im Internet auf: t1p.de/i2hm

VON THOMAS KIRSTEIN

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