Rumpenheim statt Paris

+
Hannes Metz hat seine Objekte im Schlosshof aufgebaut.

Offenbach - Vom spätsommerlichen Rumpenheimer Schloss bis zur Schreibwerkstatt Klingspor in der weißen Kunstfabrik am Main sah man am Wochenende strahlende Gesichter. Bei den „Rumpenheimer Kunsttagen“ konnte offenbar jeder nach seiner Façon selig werden. Von Reinhold Gries

Dazu sagt Koordinator Robert Elbe: „Bei uns werden keine Häkeldecken gezeigt. Hier ist ein Netzwerk entstanden, in dem alle sehr bemüht sind und sich gegenseitig helfen. Unsere Künstler sind eng mit ihren Rumpenheimer Werkstätten verwoben oder wohnen sogar dort. Bei Raumnot öffnet jeder sein Atelier für andere, auch für Gastkünstler. Eine tolle Kooperation!“

Die war auch nötig, denn das sanierungsbedürftige „Gelbe Haus“ des Stadtteils, in dem bisher viele Aussteller Raum fanden, fiel nun weg. Nur dessen „Wachstube“ stand für Monika Schilms Malereien und Drucke bereit. Platz genug hatte Designerin Birgit Palt in ihrem schönen Atelierhaus „Artmosphäre“ in der Landgraf-Friedrich-Straße mit dem idyllischem Kunst-Vorgarten und den großen Nautilus-Keramiken. Sie gewährte Bärbel Stoeckermann ein gelungenes „Asyl“, denn deren Schmuck, Malerei und Drucke harmonierten auch mit ihrer Textilkunst und ihren „Märchen-Tatorten“ aus Porzellan.

Papiertaschentücher zu Kunstwerken verarbeitet

In der Kunstfabrik „Am Kleinen Gäßchen“ hatte Glaskünstler Chris Reinelt weitere Kunstschaffende um sich herum versammelt. Viel Luft hatten Klang- und Stoffcollagen in den Räumen der Spray-Künstler von „artmos4“. Die Zeit-Installation „Der Süsse Wolf“ beanspruchte dort mehrere Sinne: Aus „Tempos“ (hier Zewa-Softis) nahm Sabine Pabst das Tempo raus und bestickte sie mit Baumwollgarn in fragilen Randbögen und Knoten.

Ihre jeweilige Arbeitszeit - von acht Stunden 23 Minuten bis 17 Stunden 28 Minuten - war genau angegeben. Unglaublich auch die in alter Technik verzierte „Hochzeitsdecke“ mit Herzen- und Blumenmustern von 1820 - Arbeitszeit beinahe unbegrenzt. Dazu verblüffte ihr Partner Daniel Perez mit der Sound-Collage „Die Zeit ist ein Fluss“ aus eigengetexteter Lyrik und auf Tonmodulationen wie Musikelementen auf 12 Spuren.

Im gleichen Haus 5 zeigten Acrylgemälde „mit französischen Augen“, warum Jeanette Bruchet Rumpenheims Natur dem engen Büro in Paris vorzieht. Eine deutsche Kollegin rang auch darum, ob sie sich für Paris oder Rumpenheim als Ausstellungsort entscheiden sollte. Kein Wunder, trifft sich in der Fabrik inzwischen auch die Kalligrafen-Elite in der Schreibwerkstatt Klingspor mit dem Hoefer-Archiv.

Macher Dankwart Samel hatte Kalligrafie-Professor Gottfried Pott eingeladen, der mit seinen Ausführungen selbst prominente Gäste zu begeistern wusste. Für Hayko Spittel s „Strandmatte als Atelier“, Ute Jeutters Sprung von der Klangfarbe zum Farbklang und Steffi Barthels schwarz-rot-goldene Bildreflexionen blieb eine Treppengalerie, während Integrator Reinelt mit Schutzhandschuh und Kämmhaken in seinen auf 950 Grad aufgeheizten Ofen hineinlangte, um rotglühende Glasfusing-Platten zu „kämmen“. Ein schweißtreibendes Erlebnis, diese „heiß gemalten“ Fensterbilder.

Der „Lord of Stones“ kam auch nach Rumpenheim

Von Grete Steiners Anwesen an der Fischergasse, dessen Charme durch Margot Hochberger s erstklassige Malerei noch gesteigert wurde, zog es die Besucher zum Schloss mit seinen toskanisch eingegrünten Seiten- und Nebengebäuden. Warum Designer Wolfgang Uhl von einer internationalen Fachzeitschrift zum „Lord of Stones“ geadelt wurde, sah man den Schmuckobjekten in seinem Atelier- Gesamtkunstwerk auch an. Dieses Mal ließ er Assemblagen aus Rügener Flintstein und Gestein vom Hahnenkamm mit im Ikebana-Stil „eingestifteten“ Zweigen schweben.

Auch die benachbarte Malerin Andrea Plefka engagiert sich stark für die Künstlerkolonie. Ihre Präsentation mit Fotografin Lucie Heirich im Schloss-Casino war wie immer stark frequentiert, zumal Plefkas Aquarelle mit neuem, Lasurstil überraschten. Im rechten Schloss-Tiefkeller feierte das Künstlerpaar Regina Bahmann/Jörg Häusler mit abstrahierenden Bildkompositionen ihr künstlerisches „Coming-Out“.

Bisher kannte man Dr. Bahmann eher als Röntgenologin des Ketteler-Krankenhauses. Lächeln auch im rechten Tiefkeller bei den „Bankgeheimnissen“, von Jutta Hingst gekonnt radiert und collagiert. Wilma Roth steigerte das alles zu witzig-bissigen Skulpturen aus Beton, Stoff und Häkelgarn, eigens „für Wucherer“ oder „für Erbsenzähler“.

Im Innenhof dann das Finale mit Installationen, Objekten und Skulpturen. Stephan Müllers Abstraktionen und Materialfigurationen, Hannes Metz´geometrischen Kombinationen sowie Wilhelm Hardts Hommage an die Himmelsscheibe von Nebra gefielen ebenfalls. Wer das verpasst hat, hat in der Schlosskirche noch bis zum 25. September die Gelegenheit, sich die Gemeinschaftsausstellung der Kunsttage mit Hannelore Andrees Kalligraphie-Kabinett anzusehen, täglich von 9 bis 14 Uhr. Die Musik - Klezmer, Orgelstücke und der Chor „Hemmungslos Bieber“ - wird allerdings nicht wiederholt.

Kommentare