Rundgang mit dem Revierförster

Stadtwald ist kein Schrebergarten

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Kein Fegen, damit die Optik stimmt

Offenbach - Offenbacher hätten ihren Stadtwald gern aufgeräumter. Spaziergänger stören sich am herumliegenden Totholz. Revierförster Viktor Soltysiak kennt die Klagen über „Unordnung“ im Forst und lädt zur informierenden Waldbegehung. Von Ramona Poltrock

Heidi Lehn gehört zu den 20 Naturfreunden, die mit Fachmann Soltysiak hinter Tempelsee durch den Stadtwald streifen. Die 71-Jährige beschäftigt sich nach eigenen Worten seit Jahren mit der Geschichte des deutschen Waldes. Der in Offenbach missfällt ihr: „Vor 20 bis 30 Jahren war hier alles in einem ordentlichem Zustand, und jetzt ist alles wild und ungepflegt.“

Es kommt auf die Sichtweise an. Förster Soltysiak erklärt der Rentnerin und den anderen Interessierten, dass die Forstwirtschaft ausschließlich an ihrem wirtschaftlichem Erfolg gemessen werde. Er und seine drei Mitarbeiter versuchten allerdings, nicht nur effizient, sondern auch nachhaltig zu wirtschaften. Das bedeute auch, der Natur Freiräume zu bieten und nicht, die knappe Arbeitskraft ins Säubern des Waldes zu stecken. „Der Wald ist kein Schrebergarten, und abgestorbenes Holz zu entfernen kostet Geld“, sagt Soltysiak, „Außerdem dient das herumliegende Geäst als Lebensraum für Pflanzen und Tiere.“

So wird nach Blitzeinschlägen und starken Stürmen der Natur weitgehend freier Lauf gelassen. Die Freiflächen, die, wie der Förster formuliert, „durch Windwurf entstehen“, werden also nicht gefegt, nur damit die Optik stimmt. „Natürlich sieht das nicht unbedingt ansprechend aus, aber man muss das große Ganze sehen“, sagt Soltysiak. Das „große Ganze“ bedeutet, den ökonomischen Ertrag des Waldes sowie dessen Bestand zu sichern.

Der studierte Forstwirt achtet darauf, dass Bäume rechtzeitig gefällt werden, bevor sie krank werden und damit unverkäuflich sind: „Solange er gesund ist, bringt ein gerader Baum pro Festmeter circa 70 Euro. Wenn er krank ist, bringt er null.“

Ertrag von etwa 215.000 Euro

Zudem bietet frühe Fällung anfälliger Bäume die Möglichkeit einer schnellen natürlichen Aufforstung. „Schnell“ heißt: Sie rentiert sich im Fall von Laubbäumen wie Buchen oder Eichen erst in 150 Jahren.

3000 Festmeter im Jahr bringt der Offenbacher Wald, was einem Ertrag von etwa 215.000 Euro entspricht. Die Gruppe, die das von Viktor Soltysiak erfährt, ist sich einig: Eigentlich steht der Ertrag steht in keinem Verhältnis zu den 150 Jahren.

Wirtschaftlicher für den Offenbacher Stadtwald wären Nadelbäume, erläutert der Förster. Die wachsen schneller und gerader und bringen somit mehr Geld. In Bezug auf die „Ernte“ will Förster Soltysiak mit ökologisch-romantischen Vorstellungen aufräumen: Maschinen seien nicht nur billiger, sondern auch bodenschonender als Stämme ziehende Pferde. Am Ende des Rundgangs bittet der Revierförster um Verständnis: „Viele Entscheidungen werden selbstverständlich, wenn man den gesunden Menschenverstand einschaltet.“ Und er macht klar: Mit seinen wenigen Kollegen kann er nicht alles erfüllen, was sich die Offenbacher für ihren Wald wünschen.

Heidi Lehn ist demütig geworden: „Ich muss mich wohl mit den Tatsachen abfinden.“

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