Ruppel sprach übers „rote Offenbach“

Offenbach - Offenbach vor 100 Jahren: Der Geschichtsverein malt es aus mit einer Vortragsreihe, die im Januar begann. Im zweiten Vortrag oblag es Hans-Georg Ruppel, die Kernstadt des Jahres 1909 zu betrachten.

Ruppel sieht die Stadt des Jahres 1909 „auf dem Weg zur Großstadt“. Ihre 75000 Einwohner sind Untertanen eines Kaisers und eines Großherzogs, hoch politisiert und nach Klassenzugehörigkeit voneinander geschieden. Das liberale Bürgertum, die Arbeiter und die Katholiken haben nicht nur ihre Parteipräferenzen. Sie leben auch in geschlossenen Welten mit eigenen Sport-, Musik- und Bildungsvereinen, in denen sich das gesellschaftliche Leben entfaltete.

Jede Gruppe hatte ihre eigene Tageszeitung, und deren Redaktionen überzogen einander mit Beleidigungs- und Verleumdungsklagen. Die Altstadt war 1909 zu einer Konzentration der Minderbemittelten geworden. Die Privilegierten bauten Villen im Westend, und die Mittelschicht fand ihr Umfeld in den Stadtausdehnungen nach Süden. Die Volksschulen hatten einen Durchschnitt von 52 Schülern, und das galt bereits als wenig. 20 Jahre vorher waren es 65 Schüler.

Die Kunstgewerbeschule, aus der die Hochschule für Gestaltung wurde, hatte 1909 ihr Domizil noch am Mathildenplatz. Ruppel beklagte in diesem Zusammenhang, dass bei der jüngsten Renovierung dieses Gebäudes die in Sandstein gehauene Aufschrift „Kunstgewerbeschule“ spurlos verschwunden ist. Vor Jahresfrist konnte man sie noch überm Eingang lesen.

Der Referent hatte seinen Vortrag mit Zahlen gespickt: 10000 vielfach überbelegte Wohnungen zählte die Stadt. Zu 85 Prozent waren das Mietwohnungen. Das Stadtgebiet war in 13 Armenpflegebezirke eingeteilt. Aber im „roten Offenbach“ genossen die städtischen Arbeiter bereits den Fortschritt des Neun-Stunden-Tages. Die Stadt unterhielt eine Schul-Zahnklinik, eine Kindermilch-Anstalt und eine Kohlen-Verkaufsstelle, die zum Selbstkostenpreis abgab.

Eine Idylle war die Industriestadt von 1909 nicht. Aber als eine Stadt von alle Bewohner erfassender Vitalität konnte Ruppel sie zeichnen. Er hatte dabei im Bücherturm der Stadtbibliothek einen gut besetzten Saal vor sich. Um Bieber geht es am 26. März im Pfarrsaal St. Nikolaus, um Bürgel am 23. April im St. Pankratius-Saal und um Rumpenheim am 14. Mai in der Rumpenheimer „Krone“.

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