Kunterbuntes Schandmal

S-Bahn-Zug in Offenbach-Ost komplett besprayt

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Als „Yard“ wird in der Sprayer-Szene ein Gelände bezeichnet, das zum Abstellen von Zügen benutzt wird. Es gilt fortan als „Beliebtes Ausflugsziel von Sprayern“ – fündig geworden sind sie hinter der S-Bahn-Station Offenbach-Ost.

Offenbach - Auf der Strecke Frankfurt-Bebra sehen tausende S-Bahn- und Fernreisende jeden Tag einen kunterbunten Zug. Es ist kein Schmuckstück, sondern ein Schandmal, das da auf einem Nebengleis in Höhe Brielsweg steht. Der Zug ist komplett mit Graffiti überzogen. Von Martin Kuhn 

„Um den Sprayern keine weitere Plattform zu bieten und mögliche Anreize zu schaffen, bitten wir Sie, auf eine Bildberichterstattung zu verzichten“, sagt ein Bahnsprecher. Was irgendwie beinhaltet, in unseren Lesern nächtliche Vandalen zu sehen. Und das ist kein schöner Zug der Bahn...

Zumal Bilder auf diversen Internet-Plattformen zu finden sind. Zu besagtem Zug auf dem Offenbacher Abschnitt heißt es da etwa: „Ach du heilige Sch*. Wie lange hat’s gedauert, um das ,Werk’ zu vollenden?“ „Na ja. Lange steht er noch nicht da... Dürften knapp drei Wochen sein jetzt.“ Hoppla. Nach weiteren zwei Wochen, diversen Besuchern und offensichtlichem Desinteresse der Bahn hat sich das Erscheinungsbild nicht wesentlich verbessert – im Gegenteil.

Bundesweiter Wettbewerb

Pendler fragen bereits, ob die Bahn dort den Sprayern einen rechtsfreien Raum gewährt und „somit Steuergelder mutwillig verschwendet werden“. Zumal es sich bei dem Zug um ein ehemaliges Vorzeigeobjekt gehandelt haben soll, von dem man mittlerweile nichts mehr sieht. Es klingt ironisch. Der total besprühte Zug entstand im bundesweiten Wettbewerb „Bahn-Azubis gegen Hass und Gewalt“, wie Andreas Ritzl herausgefunden hat. Bahn-Auszubildende hätten 2012 die Außenwände einer kompletten S-Bahn entsprechend dem Thema gestaltet. Der Zug sei aus der Frankfurter S-Bahn-Werkstatt „auf eine zweijährige Reise durch das Rhein-Main-Gebiet“ geschickt worden. Mit Endstation Offenbach-Ost?

„Nein“, betont ein Bahnsprecher. Der S-Bahn-Zug sei bis zu einer geplanten Instandhaltung in Offenbach abgestellt. Grund: Wegen der laufenden Auslieferung von Neufahrzeugen sind die üblichen Kapazitäten ausgelastet. „Es ist geplant, das Fahrzeug noch weiter zu betreiben, allerdings ist der Aufwand für die Graffiti-Entfernung nicht unerheblich“, heißt es. Und der Sprecher vergisst nicht zu betonen, dass der Bahn „jährlich hohe Schäden durch Graffitianschläge“ entstehen. Da es sich um Sachbeschädigung handelt, erstatte die Bahn „grundsätzlich bei jedem Graffitidelikt Strafanzeige“.

Hessens größtes Graffito

Hessens größtes Graffito

Was für Jugendliche kaum mehr als ein Nervenkitzel ist, bedeutet für die Deutsche Bahn immense Schäden. Beschmierte Züge, beschädigte Sitze und zerkratzte Scheiben sind tägliche Probleme. Den Schaden beziffert die Bahn auf auf zirka 30 Millionen Euro – Jahr für Jahr. „Geld, das die DB lieber zum Nutzen ihrer Kunden einsetzen würde“, heißt es. Die Entfernung von Graffiti braucht „Erfahrung und Fachwissen, Aufwand, Umweltbelastung und Kosten sind enorm“. Die Kosten variieren je nach Größe und Schichtdicke des Graffito. Die Neulackierung eines kompletten Triebwagens kostet bis zu 15.000 Euro und dauert ungefähr sieben Tage.

Das dürfte in dem Fall des abgestellten, verunzierten und vergessenen Zugs in Offenbach allerdings nicht ausreichen...

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