Locker, luftig, preiswert

Saisonschlussverkauf: Garnitur für unter 25 Euro?

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Die Kollegen der Offenbach-Post vor und nach ihrer Tour durch den Schlussverkaufs-Dschungel: Preiswert und dennoch sommerlich chic fügen sich die einzelnen Teile zu einem erstaunlich modischen Gesamtarrangement zusammen. Die für 19 und 14 Euro erstandenen SSV-Artikel sind unter anständigen Produktionsbedingungen aber wohl kaum genäht worden.

Offenbach - Die Idee entstand bei einer launigen Redaktionskonferenz. Wie ziehen wir diesmal das alljährlichen Thema Sommerschlussverkauf auf? Vom Selbstversuch einer großen Boulevardzeitung berichtete ein Kollege: Sich neu einkleiden für 50 Euro. Von Fedor Besseler und Veronika Schade

Schnell entstand eine angeregte Diskussion. Möglich? Unmöglich? Die jungen Kollegen setzten sich durch. Das ist keine Herausforderung. Aber wie sieht es mit der Hälfte aus? 25 Euro. Das ist doch mal eine Ansage. Von Ehrgeiz und Tatendrang gepackt machten sich Redakteurin Veronika Schade (29) und Praktikant Fedor Besseler (23) auf in die Stadtmitte und ins Ringcenter.

Unser erster Weg führt uns an die Frankfurter Straße. Dort werden flanierende Passanten seit Montag mit Extremen konfrontiert. Die Kaufhäuser versuchen einander mit aufdringlichen „Sale“-Schildern und reduzierten Preisen im Werben um Schnäppchenjäger zu unterbieten. Dabei hat jedes eigene Strategien entwickelt, um Kundschaft anzulocken. Ein Textilgeschäft wirbt mit der Aufschrift „Nochmals 20% auf alles“, dabei gibt es dort bereits Rabatte bis zu 70 Prozent. Die benachbarte Jugendmodekette hingegen versucht Neugier zu wecken, indem sie anstatt der sonst üblichen knallroten SSV-Dekoration reduzierte Waren in radioaktivem schwarz-gelb präsentiert. Weniger auf Rekorde und grelle Farben, hingegen auf ordentliche Prozente für seine Markenware setzt das Traditionskaufhaus M. Schneider.

Bis zu 60 Prozent Rabatt

Wir gehen rein und betrachten die um bis zu 60 Prozent rabattierte Ware. Es sind schöne Artikel dabei, keine Frage. Auch wenn den jungen Studenten im Zweiergespann die halbärmeligen, von 29,95 auf zehn Euro reduzierten Hemden nicht so recht überzeugen können. Bei den Bermuda-Shorts wird Mann auch nach Ansetzen des Rotstifts unter 29,95 Euro nichts finden. In der Damenabteilung finden sich Blusen reduziert von 69,95 auf 20 Euro. Sie gefallen, doch mit einem Restbudget von fünf Euro wird die Mission kaum zu erfüllen sein. Geschäftsführer Stefan Becker schmunzelt, als er von den Plänen erfährt: „Das ist sportlich.“ Zufrieden zeigt er sich mit dem bisherigen Verlauf des Schlussverkaufs. „Die Hochsommerartikel gehen gut weg, das warme Wetter ist dem Geschäft zuträglich.“ Die Lager seien wegen des vorher nasskalten Wetters voll. „Der Räumungsschlussverkauf läuft bis Ende August. Ab September beginnt die Herbstsaison.“ Morgens und vormittags sei das Geschäft gut besucht, nachmittags sei bei den Leuten eher Abkühlung angesagt.

Uns wird allmählich klar, wir müssen umdenken. So attraktiv die Rabatte bei den bekannten Innenstadt-Adressen auch sind, wenn wir uns mit unserem begrenzten Budget neu einkleiden möchten, müssen wir – trotz des Wunsches nach Nachhaltigkeit – in Geschäfte, die sowieso im niedrigeren Preissegment angesiedelt sind. Vor allem Schuhe werden ein Problem. Von 89,99 Euro reduziert auf 29,99 ist super, scheidet aber aus. Trotzdem: Auf hässliche Plastiklatschen haben wir keine Lust. Wir haben Glück und werden fündig in einer günstigen Kaufhauskette. Rot-weiß gestreifte Stoff-Ballerinas, davor 19,99, jetzt drei Euro. Gekauft! Das männliche, blaue Stoffschuh-Pendant gibt es für fünf Euro.

Strahlend gelbes Oberteil mit exotischen Motiven

Im Ringcenter, in einem vor allem bei jungen Leuten beliebten Laden, fällt der kauffreudigen Redakteurin ein strahlend gelbes Oberteil mit exotischen Motiven ins Auge. Bei einem Nachlass von rekordverdächtigen 70 Prozent schlägt sie zu. 2,99 Euro! Ihren Begleiter sprechen die Textilprodukte dort weniger an. Zum einen ist die Auswahl für Männer deutlich schlanker. Und die glitzernden Verzierungen, unnötigen Anglizismen auf den Shirts in ausnahmslos grell-schillernden Farbkomponenten schrecken ihn ab. Auch die Bermuda-Shorts. Die sind nämlich stonewashed, also mit Sandstrahlern gebleicht und vorsätzlich – vom Hersteller – mit Löchern versehen.

Im nächsten Laden kann er der Kollegin dann doch nachziehen: Ein einfarbiges, ungebleichtes, unbedrucktes T-Shirt mit V-Ausschnitt und ohne Löcher, dazu in seiner Lieblingsfarbe Bordeaux. Für 3,99 Euro sofort gekauft.

Alles, was uns an Hosen und Röcken gefällt, sprengt zum bereits Gekauften addiert das Budget. Wir wagen es und betreten beide zum ersten Mal ein Billig-Geschäft, für das Verona Pooth Werbung macht. Dort finden wir ohnehin günstige Hosen nochmals reduziert, für 7,99 statt 9,99 Euro. Für den Badesee oder Urlaub halten wir sie optisch für völlig akzeptabel. Wir greifen zu und staunen: Wir sind sogar unter 20 Euro pro Kopf geblieben! Aber nach der Shoppingtour meldet sich das ökologische, sozialökonomische und moralische Gewissen. Grund: „Made in Bangladesh“...

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