Offenbacher Salafist in Syrien

Mit Fußfessel in den Heiligen Krieg

+
Ein junger Islamist aus Offenbach, der vor Gericht gestellt werden sollte, täuscht die Behörden.

Offenbach - Ein junger Islamist aus Offenbach, der vor Gericht gestellt werden sollte, täuscht die Behörden. Von Peter Schulte-Holtey

Das Entsetzen ist noch gut in Erinnerung. Aufgebracht reagierten viele Offizielle in Offenbach im Juni 2013 auf den brutalen Angriff von jungen Männern auf ein Fernsehteam vor der Tauhid-Moschee an der Karlstraße. Sorgen über eine Radikalisierung jugendlicher Muslime machte sich Felix Schwenke, Sozial- und Ordnungsdezernent. „Wir hoffen, dass die friedlich in Offenbach integrierten muslimischen Gemeinden diesen Angriff auch als Angriff auf sich selbst sehen“, sagte er damals. Die Empörung war überall in der Stadt zu spüren: Radikale Islamisten hatten zuvor ARD-Journalisten und ihr Kamerateam bei Dreh- und Recherchearbeiten angegriffen. Ein Reporter, ein Kameramann und ein Kameraassistent, die für „Report Mainz“ im Einsatz waren, wurden dabei verletzt. Das Fernsehteam war zu einem Recherchegespräch mit dem Imam verabredet, plötzlich wurden sie von einer Gruppe junger Muslime attackiert, die offenbar damals schon planten, in Syrien gegen das Assad-Regime zu kämpfen. Ein beteiligter TV-Reporter, der seit Jahren über die salafistische Szene recherchiert, sagte damals: „Eine solche Aggressivität habe ich bei meinen langjährigen Recherchen noch nicht erlebt. Ich stellte allerdings auch fest, dass unter den Moscheebesuchern das Entsetzen über die Tat und die Täter groß war. “.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Redakteur Peter Schulte-Holtey

und

ein Interview mit Offenbachs Ordnungsdezernenten Felix Schwenke.

Viel wurde in Offenbach seit dieser Tat diskutiert, über eine Radikalisierung in den Moscheegemeinden, über mögliche Präventionsmaßnahmen - auch durch Sozialarbeiter. Und plötzlich ist der Fall, der auch bundesweit für Schlagzeilen sorgte, wieder sehr präsent. Lange wurde von den Sicherheitsbehörden ermittelt, im Februar 2015 sollten nun endlich vier Beschuldigte, junge Muslime aus Offenbach, vor Gericht gestellt werden. Gefährliche Körperverletzung, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Inzwischen aber ist klar: Tatsächlich werden nur zwei Männer vor Gericht gestellt werden können. Beim Amtsgericht geht man davon aus, dass die beiden anderen Täter wahrscheinlich zum Kämpfen nach Syrien gegangen sind.

Mehrere Ermittlungen gegen Hassan M.

Der 24-jährige Hassan M., einer der beiden, hat es sogar bei seiner Ausreise ganz offiziell gemacht; der Pakistani, seine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland wurde inzwischen widerrufen, telefonierte mit der Polizei in Offenbach und meldete sich ab. Dass die hessischen Sicherheitsbehörden ihn besonders intensiv unter Beobachtung hatten, ist gestern mit „ganzer Wucht“ bekannt geworden. Ein Sprecher des Amtsgerichts Offenbach bestätigte unserer Zeitung, dass gegen M. nicht nur wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt wurde. Im zweiten Fall ging es um den Verdacht des Einbruchsdiebstahls. M. sei dann Ende 2013 mit einer Fußfessel ausgestattet worden, als Haftverschonung. Der Haftbefehl wurde außer Kraft gesetzt.

Diesen Vorgang bestätigte auch der für die Überwachung des Fußfessel-Programms zuständige Beamte bei der IT-Stelle der hessischen Justiz, Hans-Dieter Amthor, im Interview mit der TV-Sendung „Report Mainz“. Hassan M. habe eine mit Radiofrequenz arbeitende sogenannte „kleine Fußfessel“ getragen und sich mehrmals am Tag für mehrere Stunden zu Hause aufhalten müssen. Anders als bei GPS-gestützten Fußfesseln, die in Einzelfällen etwa bei Schwerstkriminellen nach der Verbüßungen langjähriger Haftstrafen zum Einsatz kämen, gebe es bei der „kleinen Fußfessel“ aber praktisch keine lückenlose Überwachung. Amthor wörtlich: „Wenn eine Stunde lang die Möglichkeit besteht, rauszugehen, um einzukaufen, um sonst was zu machen, hatte er auch eine Stunde Zeit die Möglichkeit, abzuhauen.“

Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) bestätigte gestern, dass die Fußfessel des gewaltbereiten Islamisten am 1. Mai 2014 ein letztes Signal an die Behörden geschickt habe. Einen Tag später sei der Haftbefehl wieder in Kraft gesetzt worden, so die Ministerin.

Das ist die Terrorgruppe ISIS

Terrorgruppe in Syrien: Das will der Islamische Staat

Nach den Recherchen wurden M. - mit falschen Pass unterwegs -, dessen islamische Ehefrau und ein weiterer Salafist mit Ehefrau bereits drei Tage später mit einem gemieteten BMW an der griechisch-türkischen Grenze registriert. Nach Angaben des Gerichtssprechers reisten sie dann „mutmaßlich weiter nach Syrien“. Frühere Facebook-Einträge eines seiner Begleiter, des 19-jährigen Wali A., lassen offenbar eindeutige Sympathien für die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ erkennen.

Eine Frage, die nun viele in Offenbach beschäftigt: Haben die Behörden das denn nicht seit Monaten gewusst? Ein Sprecher des Amtsgerichts Offenbach nahm seine Kollegen gestern in Schutz: Er gehe davon aus, „dass es weder dem Ermittlungsrichter, noch der Staatsanwaltschaft bekannt war, dass der M. eine Ausreise plant, sonst hätten sie doch gehandelt“.

Im TV-Magazin wird eine andere Sicht der Dinge geschildert: Demnach war den Sicherheitleuten durchaus bekannt, dass sich Hassan M. im November 2013 Tickets für eine Zugreise zum Amsterdamer Flughafen Schiphol gekauft hatte; darüber sei auch das Amtsgericht Offenbach informiert gewesen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion