Adipositas-Klinik in Offenbach

Kilos lassen Kasse klingeln

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Eine rückenschonende Einrichtung: Mit diesem Deckenlifter können Oberschwester Ivonne Nimbler und ihr Team von der Adipositas-Klinik sehr schwere und unbewegliche Patienten aus dem Bett heben. Der Kran trägt bis zu 400 Kilogramm.

Offenbach - Das Offenbacher Sana-Klinikum hat sich eine Goldgrube zugelegt, die ihm europaweite Reputation einbringt. Wo früher Kinder und später Reha-Patienten verarztet wurden, lassen sich seit Oktober Menschen mit extremer Fettleibigkeit behandeln. Von Sarah Neder  

Für die Adipositas-Klinik hat das Unternehmen, das 2013 das städtische Krankenhaus erwarb, Professor Dr. Rudolf Weiner, den früheren Chefarzt der Chirurgie im Krankenhaus Sachsenhausen, gewonnen. Von seiner ehemaligen Arbeitsstätte brachte Weiner nicht nur sein Kompetenzteam von zehn Ärzten, sondern auch den Status eines „Exzellenzzentrums“ mit. Etwa 350 bis zu 1 000 Patienten will der 62-jährige Chirurg zwischen Neubau und Rebentisch-Zentrum pro Jahr operieren. Das macht die Spezialklinik zur größten in Europa. In Offenbach werden auch internationale Patienten erwartet, beispielsweise zahlungskräftige saudiarabische Scheichs, deren Körpern die Völlerei zugesetzt hat.

Die Adipositas-Chirurgie ist auch eine Antwort auf einen traurigen Trend in entwickelten Gesellschaften: Allein in Deutschland ist die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig. Krankhaft dick, und damit potentielle Patienten für den „Adipositas-Papst“, sind Menschen, die wegen ihres Übergewichts an Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Atembeschwerden oder Gelenkproblemen leiden. Die Betroffenen sind zwischen 140 und 400 Kilogramm schwer. Um die Begleiterscheinungen einzudämmen, müssen die Patienten drastisch abnehmen. Doch Professor Weiner weiß: „Wenn jemand so dick ist, nimmt er mit Diäten nicht mehr ab.“ Aus dieser Einbahnstraße führt oft nur noch eine Operation. Weiner erklärt seine wichtigsten Methoden: „Bei der Magenverkleinerung schneiden wir etwa drei Viertel des Magens weg. Bei einem Bypass wird der Großteil des Magens still gelegt. Das Organ an sich bleibt jedoch erhalten.“ Die Eingriffe bewirkten, dass der Patient weniger Nahrung auf- und das Hungergefühl abnehme.

Der Mediziner verspricht, dass Fettleibige so innerhalb eines Jahres bis zu 80 Prozent ihres Übergewichts loswerden können. Doch chirurgisches Expertentum reicht nicht aus, um in Offenbach Adipositas-Patienten optimal zu behandeln. Rund eine Million Euro hat Sana investiert, um die Klinik für schwergewichtige Bedürfnisse umzubauen: Speziell angefertigte Stühle mit extra breiter Sitzfläche, Sonderlastbetten, die bis zu 300 Kilogramm aushalten und überdimensionale Toiletten aus den USA zählen zum neuen Interieur. OP-Tische und Untersuchungsliegen sind auch im XXL-Format. „Während des Umbaus haben wir auch die Statik geprüft“, sagt Sana-Geschäftsführer Sascha John. Wenn ein schwerer Patient in einem massiven Bett liege, können da schon mal bis zu 600 Kilogramm auf einen Punkt drücken, so John.

Gewicht als Stigma

Mit dem enormen Körpergewicht der Patienten haben besonders die Pflegekräfte zu kämpfen. Um ihnen das Verlagern der Personen zu erleichtern, gibt es einen an der Decke befestigten Kran. Die leitende Schwester Ivonne Nimbler führt vor, wie das funktioniert: Sie legt ein grünes Nylon-Tuch unter den Patienten, das mit Schlaufen an dem elektronisch bedienbaren Lifter befestigt wird. Per Knopfdruck kann sie ihn dann nach oben ziehen. „Sehr rückenschonend für uns“, fügt Nimbler hinzu. Für die Adipositas-Klinik müsse das Personal sorgfältig ausgewählt werden, so Nimbler. „Wir leisten ein Rundum-Programm und führen viele Gespräche mit den Patienten. Das verlangt Einfühlungsvermögen.“ Das bestätigt auch Pflegedirektorin Sabine Braun. Starkes Übergewicht sei für viele ein Stigma. Deswegen hat die Klinik das Zentrum vom Normalbetrieb abgegrenzt. Das soll den Patienten einen diskreten Aufenthalt ermöglichen. Ein Luxus, den die Betroffenen bisweilen selbst zahlen müssen. Denn nicht immer kommt die Krankenkasse für den riskanten Eingriff auf. „Die Patienten müssen erst beweisen, dass sie bereits alle herkömmlichen Wege ausprobiert haben, um abzunehmen“, erklärt Weiner.

Der endoskopische Eingriff, so Weiner, dauere nicht länger als eine halbe Stunde. Die Operierten verließen nach ein paar Tagen wieder das Krankenhaus. Doch das Angebot der Adipositas-Klinik greift weiter: „Unser Team besteht auch aus Ernährungsberatern, Diabetologen und Psychologen. Sie begleiten die Patienten vorher und nachher“, sagt er. Nach großem Abnehmen können sie sich überschüssige Haut in der Wiederherstellungschirurgie nebenan entfernen lassen. Diese geballte Kompetenz sei mit Grund gewesen, weshalb er den Katzensprung von Sachsenhausen nach Offenbach gewagt habe, sagt Weiner.

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