Sanft gebrüllt ist halb gesungen

Rag’n’Bone Man in der Stadthalle

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Fantastische Stimme: Rag’n’Bone Man

Offenbach - Der Schein trügt. Rory Graham alias Rag’n’Bone Man (etwa: Lumpensammler) sieht aus, als würde er in seiner Freizeit gern mit Rapper Haftbefehl in dunklen Ecken chillen. Zottelbart, Golemstatur, Totenkopftattoo auf dem Handrücken, Tinte im Gesicht. Von Eva-Maria Lill

Tatsächlich begann der Mann, der so melodiös brüllen kann, seine Karriere mit Hip-Hop. Zum Glück ist er rechtzeitig abgebogen. Denn die Rap-Parts, die der 33-Jährige in der Stadthalle Offenbach ins Publikum nuschelt, sind nicht der Grund, warum die ausverkaufte Halle bebt. Grund ist auch nicht die solide Band, die sich wie zur Jamsession entspannt im Halbkreis um Graham gesammelt hat – ergänzt von Trompete und Posaune. Und wohl auch nicht die stimmungsvolle Lichtshow oder der schlecht abgemischte Sound, der mit seinem Abrissbirnenbass Graham bisweilen überwummert.

Rag’n’Bone Man hätte all das nicht gebraucht. Es reicht, wenn er seinen Zwei-Meter-Körper sanft nach vorn lehnt. Eine Hand um den Mikrofonständer schlingt, die andere durch die Luft schweben lässt und ansonsten bewegungslos seine Stimme in die Halle träufelt, streichelt, hämmert. Mal klingt er wie ein junger Joe Cocker, unter dessen Schleifpapierstimme Honig fließt. Das ist fantastisch, wenn er nur von Klavier begleitet wird („Odetta“, „Grace“), noch besser, wenn er allein auf der Bühne steht („Die Easy“).

Allein für die reduzierte Version des Radiodauerschleifensongs „Skin“ hat sich der Weg gelohnt, Graham erntet Extrabeifall nach jeder Strophe, jedem Refrain. Danach klatschen die Zuhörer minutenlang. Ähnlich bei „Human“, Hit seines 2017 erschienen gleichnamigen Debütalbums. Live klingt das nach Reggae, weniger nach der Verzweiflung der Plattenversion.

Obwohl der Echo-Gewinner zugibt, dass die meisten seiner Lieder traurig seien, wird überrascht, wer nur die Singles kennt. Der Engländer kann auch Western („Hard Came The Rain“) und Jazzclub („As You Are“). Schade, dass er seine Asse („Human“, „Skin“) schon vor der Zugabe aus den Jeanshemdärmeln zaubert. Das schadet der Dramaturgie eines ansonsten sehr gelungenen Abends.

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Was ihm vorzuwerfen ist: Viele Melodien klingen ähnlich. Fürs nächste Album wird er sich etwas einfallen lassen müssen. Es wäre ihm zu gönnen, denn in eineinhalb Stunden brennt er manch schwervergesslichen Moment tief in die Haut seines Publikums.

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