Das 20-Millionen-Euro-Loch

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Risse und Löcher sind die unliebsamen Überbleibsel des langen Winters.

Offenbach ‐ Väterchen Frost hat die Straßen zerstört wie lange nicht mehr – nicht allein in Offenbach. Doch es ist keineswegs klar, woher das Geld kommen soll, um das Straßennetz wieder zu reparieren; gerade in einer Kommune, die auch in ihrem Haushalt gewaltige Löcher aufweist. Von Martin Kuhn

Dennoch verschließt die Stadt nicht verschämt die Augen: „Die Straßen können nicht so bleiben“, weiß Stadtrat Paul-Gerhard Weiß. Nun hat Stadtdienstleister ESO einmal (vorsichtig) ermittelt, was die Sanierung kosten würde: rund 20 Millionen Euro. Da bremst Weiß stellvertretend für die im Urlaub weilende Magistrats-Kollegen vorschnelle Erwartungen der Autofahrer: „Das ist utopisch...

Fakt ist: Das übliche Budget, das die Stadt Jahr für Jahr zur Straßenunterhaltung an den ESO überweist, wird 2010 nicht genügen – das sind rund 2,7 Millionen Euro. Um die schlimmsten Frostschäden zu beseitigen, sind nun 3,5 Millionen Euro im Gespräch. Der FDP-Mann im Magistrat hält sich bei Details allerdings bedeckt: „Die Dezernenten setzen sich nach Ostern zusammen, um die Finanzierung zu beratschlagen. Da gibt es einige Vorschläge.“ Die möchte Weiß noch nicht öffentlich machen. Klar ist: Das Geld fehlt an anderen Stellen, eine Absprache mit dem Regierungspräsidium ist unabdingbar. Klar ist für ihn: „Wir können unsere Ressourcen nicht verdoppeln.

Es ist ein finanziell aufwändiger Kampf gegen Versäumnisse: Über Jahre wurde an den Straßen nichts gemacht. Allein mit dem Auffüllen der Risse, Löcher und Krater ist es nicht mehr getan. Laut Paul-Gerhard Weiß habe sich im vergangenen Jahr das sogenannte Dünnschichtverfahren bewährt – etwa auf dem südlichen Ring. Heißt: Die Fahrbahndecke wird um einige Zentimeter abgefräst und ein neuer Belag aufgebracht. Vorteile: Es ist günstiger als ein kompletter Neuaufbau der Straße, und es lässt sich schnell umsetzen, da die Straße nicht für Wochen gesperrt werden muss.

Das Zahlenwerk des ESO ist beängstigend: Es handelt ist keinesfalls um eine vollständige Liste; aktuell liegt eine erste, vorläufige Schadensaufnahme vor. Und bislang sind lediglich die Schäden an den Hauptstraßen weitgehend erfasst. „Die Schäden an den Innerortsstraßen sind noch aufzunehmen.“ Im Ergebnis heißt das: 43 Prozent des Straßennetzes (Gesamtlänge laut ESO etwa 260 Kilometer) werden sind in der Schadensklasse rot und gelb eingestuft. „Somit besteht für 112 Straßenkilometer dringender Sanierungsbedarf.

Notwendige Maßnahmen ohne Nebenstraßen

Dann listet der Dienstleister die in seinen Augen notwendigen Maßnahmen auf – wie gesagt ohne Nebenstraßen: Bieberer Straße (5.200 m²), Bürgeler Straße (3.200 m²), Feldstraße (1.500 m²), Kaiserstraße (2.800 m²), Mainstraße (11.000 m²), Marienstraße (1.500 m²), Mühlheimer Straße (5.200 m²), Odenwaldring (8.500 m²), Rhönstraße (5.600 m²), Seligenstädter Straße (700 m²), Spessartring (2.300m²), Sprendlinger Landstraße (23.000 m²), Taunusring (1.700 m²), Untere Grenzstraße (2.600 m²), Waldstraße (8.400 m²). Das macht in der Summe 83.200 m² oder umgerechnet 8,3 Hektar.

Zum Vergleich: Laut der Internet-Enzyklopädie Wikipedia beträgt die Grundfläche des US-Verteidigungsministeriums Pentagon 11,7 Hektar.

Das würde die Stadt und somit den Steuerzahler zirka 20 Millionen Euro kosten. Im vergangenen Jahr hat der ESO gut 11 000 m² Straßenbelag saniert für rund 1,4 Millionen Euro. Dass die für dieses Jahr zu erwartenden Kosten deutlich höher liegen, wird so begründet: Es sind mehr Abschnitte mit Ampelschleifen, mit Sinkkästen und tiefen Schädigungen dabei.

Mainstraße kommt als erste dran

Und welche Straße wird zuerst in einen befahrbaren Zustand gebracht? „Erste Priorität genießt die Sicherheit, dann die Frequentierung“, sagt ESO-Sprecher Oliver Gaksch. Er betont: „Die Stadt als Auftraggeberin hat natürlich ein Wörtchen mitzureden.“ Also Klartext, welche Straße steht ganz oben? „Es wird wohl die Mainstraße“, rückt Gaksch offenbar ungern heraus. Das ist verständlich, hat doch jeder Offenbacher längst seine ganz subjektive Prioritätenliste erstellt.

Größere Baumaßnahmen vergibt der ESO übrigens am Drittfirmen. Das heißt: Es gibt Verzögerungen, da die Lederstadt natürlich nicht die einzige Kommune ist, die ihren Asphalt nicht nur flicken möchte: „Die haben derzeit eine gesunde Auftragslage.“ An vielen Stellen kommt übrigens das zutage, was die Stadtväter ursprünglich als Straßenbelag nutzten: Kopfsteinpflaster, im Volksmund „Katzeköpp“ genannt. Deren Freilegung ist in Offenbach keine Option. Die Reparatur (sprich: wohl die Arbeitszeit) sei zu teuer. Zudem leide der Fahrkomfort, ist über diese natürlichen Tempobremsen das Urteil längst gefällt: „Das macht kleinen Spaß...

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