Das Sa(u)na-Klinikum

Wieso Patienten  im Krankenhaus-Neubau schwitzen müssen

+
Das Thermometer zeigt gegen sieben Uhr abends immer noch mehr als 36 Grad an. Im Inneren des Krankenhauses staut sich seit Wochen die Hitze.  

Offenbach - Sonnenschein, blauer Himmel, das Thermometer klettert auf über 30 Grad: Für Patienten und Personal des ehemaligen Stadtkrankenhauses klingt diese Wettervorhersage eher bedrohlich als schön. Denn auf den meisten Stationen gibt es keine Klimaanlagen. Von Sarah Neder 

Aus dem Klinikum sind Hitzeklagen zu hören: Bis zu 39 Grad Celsius sollen am vergangenen Montag in Patientenzimmern gemessen worden sein; Medikamente, die sonst bedenkenlos in Schränken liegen können, mussten in Kühlgeräte umgelagert werden; Zäpfchen etwa waren vor dem Schmelzen zu retten; Pfleger und Krankenschwestern kamen kaum damit nach, Infusionsbehälter auszutauschen. Manche Patienten, so heißt es, hätten sogar ihre eigenen Klimageräte mitgebracht.

Denn so erstaunlich es klingen mag: Das 2013 vom Sana-Konzern übernommene und 2010 unter städtischer Regie fertig gestellte Offenbacher Klinikum hat bis auf wenige Bereiche keine eigene Klimaanlage. Patienten und deren Angehörige beschwerten sich bei der Zeitung über „unerträgliche Zustände“, vermuteten, dass am Starkenburgring die Klimaanlage nicht funktioniere.

Auf Anfrage der Redaktion stellt Sana-Sprecherin Marion Band klar: Mit Klimaanlage ausgestattet sind nur sogenannte sensible Bereiche, etwa Operationssäle, Intensivstation oder Notaufnahme. Auf den übrigen Stationen aber soll ein spezielles Lüftungssystem für den Temperaturausgleich sorgen; automatisch schließende Blenden, die von einer auf dem Dach des Krankenhauses installierten Wetterstation gesteuert werden, sind gegen die Sonneneinstrahlung angebracht. „Das Gebäude wurde nach den Richtlinien der Energiesparverordnung und nach der Lüftungsvorschrift DIN 1946-6 errichtet“, erklärt die Sprecherin. Das Klinikum entspreche damit „allen bautechnischen Anforderungen zum effizienten Betriebsenergiebedarf“.

Alles zum Klinikum lesen Sie auf der Themenseite

Schwitzen ist also ein Ergebnis von Wirtschaftlichkeit und Umweltbewusstsein? Sparzwang trifft’s eher. Die Suche nach einer Antwort führt in die Zeit, als das Krankenhaus von der Stadt konzipiert wurde. Aus der damaligen Planungsgruppe ist zu erfahren, dass über Klimaanlagen auf den Stationen diskutiert wurde. Da aber das Budget für das neue Stadtkrankenhaus streng begrenzt war und die Architekten versicherten, ein Lüftungssystem werde den gleichen Erfolg bringen, habe man sich dagegen entschieden. Offenbach ist übrigens kein Einzelfall. Da es für Klimaanlagen keine Zuschüsse gibt, fehlen sie in etlichen Krankenhausneubauten Deutschlands.

Die Verantwortung für Offenbachs größte Sauna liegt demnach nicht bei dem neuen, privaten Inhaber der Klinik, sondern ist vielmehr ein Vermächtnis der Stadt. Sana-Sprecherin Band sieht aber kein großes Problem, das nicht zu lösen wäre: Eigentlich müssten Patienten und Personal nicht unter Hitze leiden, wenn sie eine einfache Regel befolgten. „Das Lüftungssystem funktioniert nur bei geschlossenen Fenstern“, sagt die Sprecherin. Da man nicht jeden ermahnen könne, lüfteten viele, weshalb Wärme durch die Räume ströme.

Pflegekurse erleichtern die Versorgung der Lieben

Der Allgemeinmediziner Dr. Eckhard Starke vom Offenbacher Ärzteverein wundert sich indes, dass die Stationen nicht klimatisiert sind. „Ich halte eine Klimaanlage schon für sinnvoll“, sagt er, „vor allem bei einem Haus dieser Größe.“ Besonders kranke Menschen fühlten sich einfach wohler, wenn es kühler sei, sagt er. Starke glaubt, dass es vor allem bei lang anhaltender Hitze gut sei, Temperaturen zu senken. „Die Mauern wärmen sich auf – das ist wie eine Heizung“, erklärt der Arzt. Nur übertreiben dürfe man es nicht mit dem Kühlen, mahnt er. Erkältungen oder ein steifer Hals können unangenehme Folgen sein. Doch in dem erst vor fünf Jahren eröffneten Krankenhaus ist folgenreiches Frieren im Moment undenkbar. Patienten und Personal schwitzen einfach nur.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare