Offenbachs härtester Export

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Scene X Dream stehen für soliden Hardrock: Jetzt geht die Band (von links: Sänger Andi Sommer, Gitarrist Nico Mola, Schlagzeuger Martin Winter, Bassist Stefan Fleischer) als Vorgruppe für Anvil auf ausgedehnte Europa-Tournee.

Offenbach - Zeit der Veränderungen... 1989 machen sich Offenbacher berechtigte Hoffnungen, in die nationale Rock-Elite aufzusteigen. Danach wird es ruhig um Scene X Dream. Jetzt melden sie sich lautstark zurück. Von Martin Kuhn

Interview mit einem Hardrocker. 10 Uhr. Na, da steht ein Musiker gerade mal auf und gönnt sich die erste – egal von was...  Ian Durys hat’s thematisiert in „Sex and Drugs and Rock’n’Roll.“ Ha; glattes Vorurteil! Stefan Fleischer sitzt bereits eine Viertelstunde vor dem Termin im Verlagshaus und studiert intensiv die Heimatzeitung. „Tschuldigung – bin etwas zu früh“, begrüßt er den Redakteur. Der vermeintlich harte Rocker ist rundum bodenständig.

Fleischer ist Kopf und Bassist von Scene X Dream. 1989 als Nachfolger der legendären Wallop gegründet, ist die Band geraume Zeit das lokale Vorzeigeprojekt, mitgetragen von einer damals weltweiten Hardrock-Renaissance. Die Offenbacher Band absolviert das komplette Programm: Bühne, Studio, Aufnahme, CD, Tournee. Überregionale Musikmagazine werden aufmerksam. Und dann? „Tja, großer Mist“, sagt der in Lauterborn aufgewachsene Fleischer rückblickend, der auf vier Saiten gern präzise und treibend den Rhythmus vorgibt.

Das heißt etwas konkreter: Anfang der 90er Jahre spielen Scene X Dream ihr zweites Album „Colosseum“ ein, das erst vor zwei Jahren durch die Veröffentlichung auf namhaften Internetportalen den Weg in die Öffentlichkeit fand, da die damalige Plattenfirma MMS Mausoleum nicht mehr solvent gewesen sei. „Die Plattenrechte gingen damals mit in die Insolvenz.“ Als der Rechtsstreit endlich beigelegt ist, hat sich die Musikwelt weitergedreht. Plötzlich ist Grunge angesagt, und „keiner wollte mehr so etwas hören“.

Erzählungen mit nüchterner Distanz

Er erzählt das nicht mit Groll, sondern mit nüchterner Distanz. Stefan Fleischer, der nach wie vor in Fechenheim das White-Rooms-Tonstudio führt, sagt allerdings: „Heute würden wir das selbst rausbringen. Eine CD zu pressen war damals noch etwas Besonderes und im Vergleich teuer.“ Geblieben sind aus dieser Zeit nicht nur Erinnerungen und zwei Silberlinge, die, neu abgemischt, wieder erhältlich sind. Weit wichtiger sind die Kontakte und Freundschaften, die in der recht familiären Hardrock-Szene schwer wiegen. Die Offenbacher sind zunächst mit den deutschen Bands Blind Guardian und Grave Digger unterwegs. Später kommt das Angebot, Anvil und Titan Force auf der legendären „Power Metal Gods Tour“ zu begleiten.

Gerade der „sehr freundschaftliche Kontakt“ zu Anvil (übersetzt: Amboss), kanadische Heavy-Metal-Formation um Steve „Lips“ Kudlow, bricht eigentlich nicht ab. Der Sänger und Gitarrist fragt bereits vor einem Jahr die inzwischen wiederbelebten Scene X Dream: „Wollt ihr mit auf Tour?“ Stefan Fleischer, Andi Sommer, Nico Mola, und Martin Winter lehnen ab. „Das war für die Band zu früh.“ Als „Lips“ in diesem Jahr wieder anklopft, sagt die Band nicht noch einmal nein. Gut sechs Wochen lang feilen sie am Live-Programm, stellen die Song-Reihenfolge um, haben nun den 45-Minuten-Gig fertig.

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Heute startet die Tournee in Reichenbach. Weitere Stationen bis 19. Dezember sind unter anderem Breslau (Polen), Tilburg (Niederlande), Trondheim (Norwegen), Helsinki (Finnland), Trollhattan (Schweden) und Brescia (Italien), überwiegend in kleineren Clubs. „Moment mal“, unterbricht der Bassist, „da sind Hallen dabei, da gehen an die tausend Fans rein.“ Von Lampenfieber will Fleischer nicht reden, „dafür sind wir zu lange im Geschäft“. Aber die Rocker gehen mit einer „gesunden Nervosität“ an die Sache ran. „Es kitzelt. Live vors Publikum; das ist der Grund, warum man so etwas macht.“

Spaß und Vorfreude überwiegen, aber bei 21 Auftritten „wird’s irgendwann zur Arbeit“. Ein Problem sind sicher die weiten Reisewege, die im Bus zurückgelegt werden. Dass man sich irgendwann auf die Nerven geht, schließt der Bassist aus. „Anvil sind alles sehr umgängliche Jungs.“ Das Rhein-Main-Gebiet schließt die „Hope-in-Hell-World-Tour“ aus. „Es gibt keine Clubs mehr für diese Musikrichtung“, sagt Fleischer, fügt ein „leider“ hinzu. Das Heimspiel fällt aus...

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