Vom Schäfer ohne Schafe

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Ein Dreivierteljahr hat sich ein Offenbacher Schäfer um die Baugenehmigung für einen Stall bemüht. Nun hat er sie. Dafür sind die bei einem anderen Schäfer in Obhut gegebenen Tiere weg. Der Kreis Offenbach hat sie einkassiert, sie seien mittlerweile verkauft, heißt es.

Offenbach ‐ Es gibt vieles, was Menschen bereuen. Den falschen Mann geheiratet, die richtige Frau verlassen zu haben, etwa. Mario Converso aus Obertshausen, ehemaliger Besitzer einer Schafsherde, bedauert etwas ganz anderes. Von Stefan Mangold

Nämlich beim Bauamt Offenbach die schriftliche Bestätigung einer mündlichen Zusage verlangt zu haben. Der Reihe nach: Converso arbeitet Jahre lang bei der Firma Thorer in der Mühlheimer Straße. Irgendwann fragt er seinen Chef, ob er auf der Firmenwiese ein paar Schafe weiden lassen kann. Er darf, die Schafe blöken dort auch noch, nachdem bei Thorer der Hammer längst gefallen ist. Bevor die Baumarktkette OBI auf dem Gelände anfängt, eine Filiale zu errichten, muss der 67-jährige Converso mit seinen mittlerweile mehr als 100 Tieren schließlich weichen. Schade, aber nicht schlimm. Schäfer Converso pachtet von Holger Gebhardt in Bieber ein Grundstück. Was fehlt, ist ein Unterstand. Bis der stehen soll, gibt Mario Converso seine Schafe bei dem Schäfer Gottfried Walter in Obertshausen in die Obhut. Der betreut dann fast 500 Tiere.

Es ist März 2009. Da der Italiener Converso sich im Umgang mit deutscher Bürokratie nicht sicher fühlt, bittet er die Stadtverordnete Brigitte Koenen von den Grünen, entsprechende Anträge für ihn zu stellen. Alles scheint zu laufen. Die Weide sei als landwirtschaftliche Nutzfläche ausgeschrieben, Converso solle seinen Stall einfach bauen, heißt es nach einem Telefonat. Rolf Gebhardt, der Vater des Landeigentümers, will jedoch auf Nummer sicher gehen und bittet den Pächter um eine schriftliche Genehmigung. Koenen ruft wieder an. In drei Tagen läge die Genehmigung bei Converso im Briefkasten, erfährt sie.

Eine Woche später fragt Brigitte Koenen, wann das Papier nun eintreffe. „Gar nicht“, bekommt sie diesmal als Antwort. Das Grundstück sei für spätere Wohnbebauung vorgesehen. Für wann der erste Spatenstich geplant sei, will Koenen wissen. „In zwanzig Jahren,“ bekommt sie als Antwort. Brigitte Koenen setzt nach. Es kommt eine neue Wasserstandmeldung: „Converso muss einen offiziellen Bauantrag stellen.“ Nun wendet sich Anja Kallabis von Salzen, Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, ans Baubüro. Bauzeichnung, Nutzungsbeschreibung und Baumaße solle der Schäfer vorlegen. Alles abgezeichnet von einem Bauingenieur. Dafür bekommt sie ein Formular mit auf den Weg. Sie gibt es nach drei Wochen ausgefüllt zurück, samt Gutachten. „Falsches Formular,“ heißt es plötzlich. Und Kallabis von Salzen geht mit einem anderen Vordruck wieder heim. Nach 14 Tagen dürfe der Schäfer seine Bretter nageln, falls sich die Behörde bis dahin nicht melde.

Anja Kallabis von Salzen füllt den Antrag aus. Wieder kommt es bei der Abgabe zur Ablehnung. Jetzt verlangt das Baubüro ein Gutachten zum Gesundheitszustand der Schafe. Dafür sei das Veterinäramt Bad Homburg zuständig. Die Fraktionsgeschäftsführerin bekommt eine entsprechende Telefonnummer. Als sie anruft, reagieren die Bad Homburger unwirsch. Das Veterinäramt Offenbach sei die richtige Adresse. Vom Offenbacher Umweltamt kommt schließlich diese Variante: Nicht der Pächter müsse den Antrag stellen, sondern der Eigentümer des Grundstücks. Und nach weiterem ärgerlichen Schriftwechsel stellt sich - warum auch immer - heraus: Das allererste Formular ist das richtige.

Wir haben Anfang Dezember 2009. Converso hat sich ein Dreivierteljahr beim Baubüro um eine Genehmigung bemüht und braucht nun keinen Stall mehr: Die Amtstierärztin des Kreises Offenbach lässt die ganze Herde von Gottfried Walter aus Obertshausen abtransportieren. Angeblich habe Walter kein Bestandsregister und es fehlten Bestätigungen über tierärztliche Behandlungen. Somit verschwinden auch die Schafe Conversos. Im Januar fragt er über einen Anwalt beim Kreis nach. Der hält sich in der Antwort knapp. Die Schafe seien veräußert, heißt es nur. Vom ideellen Schaden einmal abgesehen, schätzt Converso den materiellen Wert seiner Herde auf über 10 000 Euro. Der Schäfer ohne Schafe verklagt nun den Kreis.

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