Medizin-Exponate

Schaurig bis herzerwärmend

+
Ingo Kuballa mit zwei seiner Medizin-Exponate aus dem heimischen Keller (rechts ein Klistier): „Es ist spannend, womit die Leute früher traktiert wurden.“

Offenbach - Was Ingo Kuballa in seinem Keller hat, wirkt auf manche Betrachter faszinierend – während andere erschaudern. Von Knochensägen, Skalpellen, Spritzen und Kathetern bis hin zum Reizstromgerät findet sich dort ziemlich alles, was die Medizingeschichte hergibt. Von Veronika Schade

Der Offenbacher ist leidenschaftlicher Sammler chirurgischer Instrumente und medizinischer Geräte. Zu dem ungewöhnlichen Hobby gelangte er über seinen Beruf. Als gelernter Chirurgiemechaniker hat er in mehr als 50 Jahren täglich mit diesen Dingen zu tun gehabt. Doch die Begeisterung dafür kam erst mit der Zeit. „Eigentlich hat sich der Beruf nur zufällig ergeben“, erzählt der gebürtige Weimaraner, der seine Jugend in Marburg verbrachte. Dort gab es ein Unternehmen für Chirurgiemechanik, in dem eine Lehrstelle frei wurde. „Gefummelt habe ich schon immer gern“, sagt er lächelnd.

Die Stücke hat der Sammler vor allem auf Flohmärkten erworben.

Medizinische Präzisionsinstrumente herzustellen und zu warten macht dem 71-Jährigen heute noch Freude – wenn auch mittlerweile nur in kleinem Rahmen in seiner Werkstatt. Für mehr als 40 Krankenhäuser hat er als Selbstständiger gearbeitet, darunter die Uniklinik Frankfurt, das Kettelerkrankenhaus und die Kliniken in Bad Homburg. So manches Gerät hat er für seine Sammlung aus dem Schrott geholt. Seine Sammelleidenschaft erwachte beim Besuch eines Flohmarkts: „Mir ist damals ein Instrument mit Elfenbeingriff in die Hand gefallen. Ich fand es sehr schön und wollte mehr darüber wissen.“ Kuballa besorgte sich entsprechende Literatur, hielt fortan auf Floh- und Antiquitätenmärkten Ausschau nach weiteren Büchern und Stücken. „Manchmal geriet ich richtig in Goldgräberstimmung“, gesteht er. Die größte und teuerste Erwerbung gelang ihm auf einem Markt im Elsass. „Ein Glashändler verkaufte eine komplette Arztpraxis aus dem 19. Jahrhundert“, schwärmt er. Widerstehen konnte er nicht – trotz Einwänden seiner Frau.

So kam über die Jahrzehnte einiges zusammen. Zählen kann Kuballa die Objekte schon längst nicht mehr, nicht mal schätzen. Seine ältesten Stücke stammen aus dem alten Rom. Es sind Schere, Löffel und Häkchen aus Bronze. Dagegen gehört der rustikal anmutende Herzkatheter zu den neueren Stücken, ebenso ein Medizinkoffer aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs oder erste Endoskop-Modelle. Knochensägen, deren Anblick das Blut in den Adern gefrieren lässt, finden sich ebenso wie Schnabeltassen, Wärmflaschen und – ja, so etwas gab es auch mal – Herzwärmer. „Es ist teils herzerwärmend, was man sich hat einfallen lassen“, schmunzelt Kuballa.

Flohmarkt hat viele Fans

Flohmarkt hat viele Fans

Der Bürgeler kennt die Bedeutung und Geschichte jedes Objekts, die Begeisterung dafür bei seinen Erzählungen steckt an. „Es ist spannend, wie und womit die Leute früher traktiert wurden“, findet er. „Das sind wichtige Vorreiter der modernen Medizin. Im Prinzip sind die Instrumente heute nicht viel anders, nur weiter entwickelt.“ In Sachen medizinische Entwicklungen hat der Chirurgiemechaniker selbst seinen Beitrag geleistet. „Als Lehrling war ich dabei, als die Herz-Lungen-Maschine entwickelt wurde“, erinnert er sich. „Die Dimension wurde mir allerdings erst später bewusst.“ Vor drei Jahren entwarf Kuballa mit dem Orthopäden Adalbert Missalla eine „Arbeitsplatte Kreuzband“, die bei Operationen desselben Hilfestellung bietet.

Seine einprägsamsten Erfahrungen waren die Jahre im Rechtsmedizinischen Institut in Frankfurt, wo er für die Sektionsmesser zuständig war. „Dort sah ich alles Elend der Welt“, sagt er. Besonders der Anblick von zu Tode gekommenen Kindern und Jugendlichen sei etwas, das keiner Routine unterliege. Zu einer anderen Frankfurter Institution pflegt der zweifache Großvater immer noch eine gute Beziehung – zum Senckenbergischen Institut für Geschichte der Medizin. Etliche seiner Stücke hat er der Dauerausstellung zur Verfügung gestellt. Sie liegen in Vitrinen und dienen Studenten in Seminaren als Anschauungsobjekte. Neue Erwerbungen plant Kuballa nicht. „Sonst bekomme ich echte Platzprobleme.“ Stattdessen wünscht er sich, dass andere etwas von den Schätzen haben. Er zeigt sie gern, privat oder öffentlich: „Wenn ein Museum Interesse äußert, bin ich bereit, ihm die Sammlung kostenlos als Stiftung zu überlassen.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare