Scheinfirma macht Opfer zu Kriminellen

Mit Atreck in den Ruin

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Wenn die Annahme kriminell wird - Offenbacher Kripo warnt vor Jobs als "Warenagenten".

Offenbach - Es ist äußerst selten, dass die Polizei derart offensiv Ross und Reiter nennt: Bei „Atreck-Transport“ haben die Ermittler aber guten Grund, Betrüger namentlich vorzuführen und eindringlich vor Arbeitsverträgen mit ihnen zu warnen. Von Thomas Kirstein

Schon etliche Offenbacher, die auf einen Nebenverdienst spekulierten, haben bittere, buchstäblich ruinierende Erfahrungen gemacht: Lohn gab es keinen Cent, stattdessen zivilrechtliche Forderungen und strafrechtliche Folgen.

Erster Kriminalhauptkommissar Werner Kerpen, der Leiter des im Südosthessen-Präsidium für Betrug zuständigen K23/24, ist durch eine Häufung von Fällen auf die Masche von Atreck aufmerksam geworden. Hinter dem Namen verbirgt sich den bisherigen polizeilichen Ermittlungen zufolge eine Scheinfirma mit angeblichem Sitz in Wettingen in der Schweiz.

Kerpen und seine Kollegen sind sich ziemlich sicher, dass es sich um eine auch osteuropäisch organisierte Bande handelt, die sich auf sogenannten Warenbetrug spezialisiert hat. „Denen wollen wir das Geschäft möglichst kaputt machen“, sagt der Kriminalist.

Und so geht die Tour, die bundesweit Schäden von zig-tausenden Euro anrichtet: Bestellt wird bei Online-Händlern mit hochwertigem Angebot, bezahlt mit ausgespähten Kreditkartendaten. Um die Ware, die von den Händlern normalerweise nicht an Adressen in Osteuropa versandt wird, beispielsweise nach Estland umzuleiten, benötigen die Gauner ahnungslose Deutsche als ihre „Umpacker“.

„Das angebliche Unternehmen wirbt, meist per Mail, und sehr seriös für eine Nebentätigkeit in der Logistikbranche“, erläutert Hauptkommissar Kerpen, „tatsächlich handelt es sich jedoch um die verschleierte Anwerbung als Warenagent.“ Leute, die darauf reinfallen, sind nach Erfahrung der Ermittler meist leichtgläubige, in finanziellen Nöten steckende Menschen.

Als Warenagenten haben sie die Aufgabe, vom angeblichen Arbeitgeber in Deutschland bestellte Pakete anzunehmen und anschließend in den Osten weiter zu schicken. Inhalt sind meist hochwertige Elektronikgeräte oder Markenkleidung, die die Versandhäuser an die Adresse des Warenagenten liefern. Der Wert liegt jeweils zwischen 500 und 1200 Euro.

Was da verschoben wird, wissen die Offenbacher Betrugsermittler auch aus eigener Erfahrung: Sie haben sich auf eine Mail gemeldet, die viel Geld durch eine Nebentätigkeit bei freier Zeiteinteilung versprach. Dabei gerieten sie an Atreck, für die sie dann I-Pods und -Pads sowie Mode von Dior, Gucchi oder Dolce & Gabbana verschieben sollten.

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Eine Bezahlung der Produkte erfolgt tatsächlich nie. Wenn die Versandhändler stutzig werden, wenden sie sich in den folgenden Wochen mit ihren Zahlungsaufforderungen in Höhe von meist mehreren tausend Euro natürlich an den Empfänger der Sendungen. Die Eigentümer der ausgespähten Kreditkartendaten kommen in der Regel ohne Nachteile davon, wenn sie die kriminellen Abbuchungen erkennen und sie rückgängig machen.

Der „Arbeitnehmer“ aber hat jetzt nicht nur die dicken Schulden wegen der Bestellung am Hals, sondern auch polizeiliche Ermittlungen, da er sich unter Umständen der Geldwäsche strafbar gemacht hat. Das Umpacken in Richtung Ausland – „Immer ein krummes Ding“, sagt Polizist Kerpen – gilt juristisch als „Verschleierungshandlung“.

Atreck geht bei der Rekrutierung seiner Opfer, die dann zu Tätern werden, besonders hinterlistig vor. Wer sich mit einer Suchmaschine über seinen neuen Arbeitgeber kundig machen will, gerät auf eine von den Hintermännern der Scheinfirma angelegte Internetseite, die einen seriösen Eindruck macht: kein Wunder, ist sie doch bis auf den Namen fast eine illegale 1:1-Kopie der Homepage des untadeligen Transport-Unternehmens Streck (warnt auch vor Mails von Bespost, foll transport und Fusion Transport).

„Das macht es für viele Angeworbene schwer, die Gaunerei zu enttarnen“, räumt Kommissar Kerpen ein. Er empfiehlt eindringlich: „Prüfen Sie genau verdächtig lukrative Jobangebote, die Sie zugesandt bekommen!“

Die Kripo in Offenbach bittet Personen, die Arbeitsverträge mit der Scheinfirma Atreck abgeschlossen haben, sich umgehend mit der Polizei unter s  069 8098 1234 in Verbindung zu setzen. Auch wenn schon ein größerer Schaden entstanden ist, kann sich das laut Werner Kerpen vorteilhaft beim Staatsanwalt auswirken.

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