Über 1,1 Millionen Euro hinterzogen

Scheinrechnungen sind Alltag

Darmstadt/Offenbach - Schwarzarbeit? In der Baubranche völlig normal, meint Nina Behring-Körber. Genau wie Abdeckrechnungen, die zum Schein erstellt und am Fiskus vorbeigeschleust werden. Diese Erfahrung hat die Richterin bereits mehrfach gemacht. Von Veronika Szeherova

So auch im Fall eines Offenbachers, der mit seiner Baufirma auf diese Art Steuern in Höhe von über 1,1 Millionen Euro hinterzogen hat. Dafür musste er sich gestern vor dem Darmstädter Landgericht verantworten.

Es ist die Geschichte eines Zuwanderers, der das große Geld witterte, am Ende aber alles verlor. 1993 kam der Angeklagte Zekerija S. als Kriegsflüchtling aus Serbien nach Deutschland. Er begann eine Schlosserlehre, brach sie jedoch ab. Er arbeitete auf Baustellen für verschiedene Firmen. „Alle waren sehr zufrieden mit mir.“ Die zufriedenen Auftraggeber hätten ihn auf die Idee gebracht, eine eigene Firma zu gründen. In den Jahren 2002 und 2003 war er faktischer Geschäftsführer der Baufirma Mabe GmbH mit Sitz in Offenbach. Mit einem deutschen Freund hat er sie gegründet. Der hat sich aber mittlerweile „nach Madagaskar abgeseilt“, wie es die Richterin formuliert.

In diese beiden Jahre fällt die Tatzeit. Anfang 2004 meldete die Firma Insolvenz an. In dieser Zeit waren die Steuerfahnder Zekerija S. längst auf die Schliche gekommen. Den langsam mahlenden Mühlen der Justiz ist es geschuldet, dass der Fall erst jetzt vor Gericht kam.

Glück für den Angeklagten

Glück für den Angeklagten. Dass die Taten so lange her sind, beinahe schon verjährt, wird ihm als strafmildernd angerechnet. Und es scheint zunächst ein kurzer Prozess zu werden: Nach informellem Rechtsgespräch bietet ihm die Strafkammer an, ihn „trotz der erheblichen Anklage“ bei einem Geständnis mit Bewährung davon kommen zu lassen.

Doch Zekerija S. geht nicht sofort darauf ein. Also sagt als Zeuge ein Mitarbeiter des Finanzamts, der die Akten für das Ermittlungsverfahren sammelte. Die Baufirma habe Schecks eingelöst, die niemals in der Buchhaltung auftauchten. Zudem erstellte sie Scheinrechnungen von vermeintlichen Subunternehmern, bei denen es sich eigentlich um seine Arbeiter handelte. Diese wurden, ebenso wie die Firmenumsätze, nicht oder nicht vollständig besteuert. Mit diesen Rechnungen wurden sowohl Betriebsausgaben als auch Vorsteuerbeträge steuermindernd geltend gemacht.

„Ein späteres Geständnis verliert an Gewicht“

Richterin Behring-Körber wird dem Angeklagten gegenüber deutlicher. „Das ist heute ein einmaliges Angebot. Ein späteres Geständnis verliert an Gewicht. Wir haben Ihnen großes Entgegenkommen gezeigt.“ Zekerija S. gesteht. „Ich wollte immer mehr Aufträge. Dabei habe ich mich verkalkuliert. Ich habe komplett den Überblick verloren.“ Millionenbeträge gingen durch seine Finger. 6000 bis 10.000 Euro habe der damals 29-Jährige monatlich verdient. Das Geld, so sagt sein Verteidiger Sven Schnitzer, habe er alles „verzockt und versoffen“.

Das Gericht wertet das Geständnis von S. positiv. Einsicht und Reue habe der Angeklagte, der mittlerweile als Polier angestellt ist, gezeigt. Die Kammer verurteilt ihn zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und der Zahlung von 15.000 Euro an die Staatskasse. Zudem muss der Offenbacher 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten.

Rubriklistenbild: © dpa

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