Nur ein scheuer Kuss

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Unter der Straßenbahnhaltestelle Landesgrenze verschwindet der Grenzgraben: Verwittert ist der Grenzstein.

Offenbach - Im stillen Villenviertel liegt „die Landesgrenze“, die eigentlich gar keine mehr ist. Doch lange Zeit war sie für Offenbach ein Schutz; und politisch verfolgte Frankfurter konnten sich durch sie vor Strafe schützen. Von Lothar R. Braun

Von Eingemeindungen wird nicht mehr gesprochen. Wer heute über neue Formen kommunaler Zusammenarbeit im Rhein-Main-Gebiet diskutiert, will Verwaltungsgrenzen überwinden, ohne sie aufzuheben. Sie werden, wie sich das zu entwickeln scheint, lediglich etwas von ihrer Trennungsschärfe verlieren. Etwa so wie die westliche Stadtgrenze, die nur ältere Offenbacher beharrlich noch „die Landesgrenze“ nennen.

Die Straße „Am Grenzgraben“ liegt in einem stillen Villenviertel westlich des August-Bebel-Rings. Nahebei verschwindet der „Grenzgraben“ unterhalb der Frankfurter Straße, die sich von hier an als „Offenbacher Landstraße“ fortsetzt. Der Graben führt nur ein kärgliches Rinnsal. Auf seiner Offenbacher Seite begleitet ihn ein gepflegter Fußweg. Vom Frankfurter Ufer her wuchert wildes Grünzeug herüber. Von Fenster zu Fenster können die Bewohner zweier Städte einander über den Graben hinweg zuwinken.

Nur noch schwer zu erkennen ist der verwitterte Grenzstein, der dort nicht in den Boden gerammt ist, sondern über der Mitte des Grabens an der Brücke hängt. Mit dem Frankfurter Adler auf der rechten Hälfte markiert er eine mehr als tausend Jahre alte Grenze. Sie wurde schon gezogen, bevor 742 Kaiser Karl der Große das Licht der Welt erblickte.

Erst 1945 verschwand die Landesgrenze

In seinem fränkischen Großreich schied der Graben als Verwaltungsgrenze den westlichen Rheingau vom Maingau im Osten. Später trennte er die Freie Reichsstadt Frankfurt von den aus Offenbach regierten isenburgischen Landen, nach 1816 Frankfurt und das Großherzogtum Hessen-Darmstadt, dem Offenbach zugefallen war. Als Frankfurt 1866 seine Freiheit verlor und eine preußische Provinzstadt wurde, grenzte das Großherzogtum hier an das Königreich Preußen.

Bei einer preußisch-hessischen Grenze blieb es dann auch, als 1918 die Kronen gefallen waren. Erst als 1945 die amerikanische Militärregierung aus vorwiegend preußischen und hessischen Territorien ein „Groß-Hessen“ bastelte, verschwand die „Landesgrenze“ zwischen Frankfurt und Offenbach von der Landkarte.

Schutz für gefährdete Sozialdemokraten

Heute mag die alte Landesgrenze als ein Kuriosum erscheinen. Doch ohne Zweifel hat sie Offenbachs Entwicklung in hohem Maß beeinflusst. Für Offenbach war sie ein Schutz. Als Frankfurt sich 1425 in den Besitz des Dorfes Oberrad brachte, blieb Offenbach nur durch die Landesgrenze vor dem Frankfurter Zugriff bewahrt. Als Frankfurt 1928 wirtschaftspolitische Fehler der Vergangenheit durch die Eingemeindung der industriestarken Gemeinden Höchst und Fechenheim heilte, lag Offenbach unerreichbar im Ausland.

Im jungen deutschen Kaiserreich von 1871, in der Zeit der bismarckschen Sozialistengesetze, schützte die Landesgrenze gefährdete Sozialdemokraten vor dem Zugriff der preußischen Polizei. Andererseits schützte sie beispielsweise den Frankfurter Lokaldichter Friedrich Stoltze vor einem politisch begründeten Haftbefehl der hessischen Behörden.

„Offenbach ist wunderschön“

In Reimen schilderte er 1854, wie die hessische Kreisrat zu Offenbach versucht habe, ihn über die Grenze zu locken: „Friederikus, komm zu mir, / Schöne Sachen zeig ich Dir ! / Hast Du Offenbach gesehen? / Offenbach ist wunderschön! / Komm, Du kriegst auch Leckerbiss', / Knoblauchwurst und Pfeffernüss! / Und Du hast dabei die Wahl. / Ach, besuch mich doch einmal.“

Die Spottschrift schließt mit diesem Ruf über den Grenzgraben: „Frankfurt ist mein A und O. / Nur in Frankfurt bin ich froh! / Frankfurt ist mein A und Zett. / Lebe wohl! Du kriehst mich net!“

Befestigt war die Landesgrenze nie in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte, aber geschützt hat sie gleichwohl. Heute ist daraus ein überwachsenes Rinnsal geworden, über das hinweg zwei Städte sich einen versteckten, scheuen Kuss erlauben.

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