Zwischen den Stühlen

+
Werner Frei (links) ist seit 25 Jahre Schiedsmann. Für so viel ehrenamtliches Engagement gab’s gestern im Rathaus von Amtsgerichtspräsidentin Elisabeth Fritz und Oberbürgermeister Horst Schneider eine Urkunde.

Offenbach (mcr) - Menschen mit Glauben an höhere Mächte dichten dem Wassermann gern ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis an. Vielleicht liegt es daran, dass der in diesem Sternzeichen geborene Werner Frei auch nach 25 Jahren zwischen allen Stühlen so ausgeglichen wirkt.

Vielleicht hat der heute 69-Jährige aber einfach seine Berufung entdeckt, als er vor einem Vierteljahrhundert das Ehrenamt des Offenbacher Schiedsmanns übernahm. Für den Dienst, den er seitdem der Stadt und ihren Bürgern leistet, wurde er gestern geehrt.

Werner Frei ist Einzelkämpfer für die Mission, echte Kämpfe zu vermeiden. Den Schiedsamtsbezirk Offenbach, mit 118.000 Menschen der größte der Republik, befriedet er im Alleingang, während andere Bezirke nur maximal 25.000 Einwohner vorweisen.

Scheitert der Schiedsmann geht es vor Gericht weiter

Vornehmste Aufgabe des Schiedsmanns ist nicht die eines Richters. Denn richten darf er nicht. All sein Streben ist darauf ausgerichtet, sich die Argumente gegnerischer Parteien anzuhören und einen Vergleich vorzuschlagen, mit dem alle leben können. Sein Büro verlässt keiner als Sieger oder Verlierer. Man spricht sich aus und einigt sich – oder auch nicht. Nicht immer gelingt es, Streithähne zu beruhigen. Dann geht es vor Gericht weiter.

Ganz typisch sind Streitfälle zwischen Nachbarn, aber auch einfache Rechtsfälle wie Beleidigung, Bedrohung, üble Nachrede, Körperverletzung und ähnliches. Nicht selten sind die Folgen von in die Brüche gegangenen Beziehungen zu regeln.

Frei kommt seine langjährige Erfahrung zugute. Er kennt die Stadt und ihre Bewohner, aus seiner früheren Laufbahn als Beamter auch viele Zusammenhänge, Firmen, Netzwerke. Das hilft oft, von Beginn an auf ein Ziel hinzuarbeiten. Und manchmal ist zuerst Grundsatzarbeit zu leisten. Antragsteller mit ausländischen Wurzeln haben nicht selten andere Rechtsvorstellungen. Dinge wie Familienehre, Sitten und Religion spielen dabei eine Rolle.

Oftmals reicht ein Brief oder ein Anruf

Da kommt es sogar vor, dass nicht der Geschädigte, sondern der Täter den Antrag auf Schlichtung stellt und neben einer Entschuldigung die Übernahme aller Kosten verspricht. Dieser sogenannte Täter-Opfer-Ausgleich kann eine Strafanzeige und damit den Status „vorbestraft“ oder die Aufhebung einer laufenden Bewährung vermeiden helfen.

Gut 1300 von den bisher etwa 2500 Fällen Freis sind „Tür-und-Angel-Fälle“, bei denen ein Brief oder ein Anruf vom Schiedsmann ausreicht, Unversöhnliche auf einen Nenner zu bringen. Die formale Schlichtungsverhandlung erübrigt sich. Ein effektiver Weg, der ohnehin überlasteten Justiz die Beschäftigung mit kleinen Rechtsfällen zu ersparen.

Wenn Frei von seinen Fällen erzählt, ist ihm den Spaß am Schlichten anzumerken. Grund, sich im Sommer um eine weitere Fünf-Jahre-Periode zu bewerben.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare