Schießender Firmenchef muss in die Psychiatrie

Offenbach - Dunkler Anzug, weißes Hemd, rot gemusterte Krawatte, das schulterlange Haar sorgfältig nach hinten gekämmt. Angeklagter Oliver N. bietet ein gepflegtes Erscheinungsbild. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Am 15. März 2011 wirkte er wohl wilder: An diesem Tag schoss der Offenbacher Unternehmer an der Rowentastraße auf Beamte eines Spezialeinsatzkommandos. „Im Zustand der Schuldunfähigkeit“, befindet die Justiz. Seit Januar versucht die 11. Strafkammer am Landgericht Darmstadt, Gesetz und Beschuldigtem gerecht zu werden. Gestern das Urteil: Richter Volker Wagner ordnet zeitlich unbefristete Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie an.

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Wie lange der 54-jährige dort verbringen muss, ist offen, hängt vom Therapiefortschritt ab. Ärzte überprüfen regelmäßig seine psychische Gesundheit. Wenn N. ihrer Meinung nach keine Gefahr mehr darstellt, darf er raus.
Grundlage der Urteilsfindung sind die Gutachten zweier Sachverständiger, Dr. Volker Hofstetter (Vitos-Klinik Haina) und Professor Henning Saß (Uniklinikum Aachen). Beide stimmen überein: N. leidet an einem über Jahre gewachsenen Verfolgungswahn.

Verteidiger plädierte auf Freispruch wegen Notwehr

Als gewissenhaft und unternehmerisch denkend galt der Chef einer Technologiefirma, die mit alternativer Stromerzeugung Fuß fassen wollte. Vieles ging schief. Das Genehmigungsverfahren für die Versuchsanlage wurde verschleppt, potentielle Käufer sprangen ab. Irgendwann driftete gesundes kaufmännisches Denken ins Krankhafte ab. N. fühlte sich bedroht und verfolgt von Mineralölindustrie, großen Energieerzeugern, Russen und Amis. Zuletzt traute er weder seinem Geschäftspartner F. noch der eigenen Ehefrau.

Als F. Drohbriefe von N. erhielt, schaltete er das Ordnungsamt ein. Weil man bei dem passionierten Jäger scharfe Waffen und Hunde vermutete, wurde das SEK eingeschaltet. Als die Beamten N. in seinen Büroräumen festnehmen wollten, kam es zur Schießerei.

Die schwierige Frage nach der Eröffnung des Schusswechsels ist nicht zu klären. N. beteuert, die Beamten hätten sich entgegen ihren Aussagen nicht als Polizei zu erkennen gegeben. Er habe geglaubt, die Russen kämen. Wagner: „Ich zweifle nicht daran, dass N. in dieser Situation in seinem Wahn daran geglaubt hat.“ Für Verteidiger Wolf M. Streul eindeutiger Beweis, dass sein Mandant in Notwehr gehandelt hat. Er plädiert auf Freispruch.

Zu Prozessbeginn standen N. zwei Anwälte zur Seite. Gegen einen richtete sich bald N.s Misstrauen. Das passt zur Einschätzung von Professor Saß: „Der Wahn hat Ausbreitungstendenz.“

Rubriklistenbild: © Michael Grabscheit/pixelio.de

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