Schillerschüler machen zur Strafe den Schulweg sauber

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Natascha und Omar wissen, dass sie in der Schule Mist gebaut haben. Jetzt räumen die Schillerschüler als Wiedergutmachung den Müll vom Schulweg. Das freut auch die Nachbarn. Selbst die Mitarbeiterin vom Stadtteilbüro Nordend half mit. Als Vorbildfunktion.

Offenbach ‐ Deniz findet es „gegen die Würde des Menschen“, unter Zwang und in einer Müllmann-Weste Dreck aufheben zu müssen. „Schmodder“, nörgelt der 14-Jährige und schnappt mit der Greifzange etwas unwillig eine leere Zigarettenschachtel vom Boden auf. Von Kathrin Rosendorff

Er wirft sie in den blauen Sack, den er in der schweißtreibenden Mittagssonne hinter sich her schleift. Eigentlich heißt Deniz anders, will aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Lieber würde ich sechs Stunden nachsitzen, als den Müll vom Schulhof wegzumachen“, sagt er. Aber der Schillerschüler macht nicht unbegründet den Müllmann.

„Heute sollen die Jugendlichen den Schulweg sauber machen, die gegen die Schulregeln verstoßen haben“, sagt Marcus Schenk, Quartiersmanager der Stadt. Zusammen mit Thomas Findeisen, Direktor der Schillerschule, hat er sich die „Sauber-Mach-Aktion“ auf dem Schulweg als eine Art erzieherische Maßnahme überlegt.

„Das Prinzip Wiedergutmachung gibt es bei uns schon seit Jahren, aber zum ersten Mal, müssen die Schüler nicht nur den Klassenraum oder den Schulhof säubern, sondern auch in der Nachbarschaft sauber machen“, sagt Findeisen. Quartiersmanager Schenk erläutert: „Bei der Aktion geht es aber auch darum, den Nachbarn der Schule, die sich oft über den vielen Müll in ihren Straßen beschweren, mit einer Geste entgegenzukommen.“

900 Schüler aus Offenbach bei Aktionstag

Und auch zehn weitere Offenbacher Schulen haben gestern den Müll weggeräumt, aber nicht wie an der Schillerschule als Strafarbeit, sondern um die Kinder für das Thema Müll und Umwelt zu sensibilisieren. Über 900 Schüler aus Offenbach befreien beim des hessenweiten Aktionstag „Sauberhafter Schulweg“ ihren Schulweg von Unrat und Kleinabfällen. Die Umweltkampagne wird unterstützt vom Stadtdienstleister ESO, der die gesammelten Abfälle entsorgt. In knapp zwei Stunden wird weit über eine halbe Tonne Kleinabfälle eingesammelt. Die Aktion ist Teil des Großprojekts „Besser leben in Offenbach.

Auf der Liste der Schillerschule stehen zehn Namen. Aber außer Deniz tauchen nur noch drei weitere reuige Schüler auf. Die anderen haben sich Hitzefrei genommen und müssen nun nach den Ferien vier statt zwei Stunden schuften. Omar aber ist heute schon da. Der Elfjährige beteuert, dass er nicht wisse, warum er hier sei. „Ich weiß es echt nicht“, wiederholt er und sammelt dann doch fleißig mit. Natascha (12) ist heute das einzige Mädchen und die einzige, die begriffen hat, worum es geht. „Ich finde das Saubermachen okay. Ich steh’ zu dem Scheiß, den ich gemacht habe“, sagt sie, bläst gegen ihren Pony und pickt fleißig den Müll auf.

„Das ist kein Spaß hier“

Deniz und sein Kumpel Lucas, der auch eigentlich anders heißt, müssen hingegen immer wieder angetrieben werden. Beide hatten versucht, sich beim „Schillerbunten Abend“ einzuschleichen, obwohl sie keine Karten besessen und auch noch Wachmänner und Hausmeister geärgert hatten.

„Das ist kein Spaß hier“, ermahnt Quartiersmanager Schenk, als die Jungs anfangen, mit den Zangen zu fechten. Auch Schenk trägt eine Müllmannweste und arbeitet mit. „Wie viel Extrageld kriegen Sie eigentlich, dass Sie so tun, als ob Ihnen das hier Spaß macht?“, ätzt Deniz. „Kein Cent. Ich mach das, weil ich euch ein Vorbild sein will“, erklärt Schenk.

Nach 45 Minuten packt Deniz und Lucas ein bisschen der Ehrgeiz. Lucas stopft stolz eine leere XL-Pizza-Packung in den Sack. Deniz erwischt einen Betonsteinbrocken und fragt. „Welche Tüte ist jetzt schwerer?“ Dann verrät Deniz: „Ich mach’ seit der Fünften Mist, Strafe hat mich noch nie gejuckt.“ Bis jetzt, denn in der Müllweste vor den Mitschülern rumlaufen zu müssen, ist dann doch ziemlich uncool.

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