Schirmmacher in Offenbach

„Solche Geschäfte sterben aus“

+
Ulrich Schäfer in seinem Reich: Der 63-Jährige ist der letzte ausgebildete Schirmreparateur in Hessen. In seinem Laden verkauft er heute aber vor allem Taschen.

Offenbach - Ulrich Schäfer beherrscht, was im ganzen Hessenland außer ihm niemand mehr kann: Regenschirme herstellen und reparieren. Der 63-Jährige ist der letzte ausgebildete Schirmmacher des Bundeslandes. Von Veronika Schade

Für seinen Laden Schirm Schäfer an der Berliner Straße/Ecke Kleiner Biergrund indes sind die aufklappbaren Wasserabweiser nicht mehr das Hauptgeschäftsfeld. Vielmehr findet der Kunde bei ihm Taschen und Rucksäcke in großer Auswahl. „Heutzutage ist es schwieriger, die Leute zu erreichen“, bedauert er. Zwar gebe es Stammkunden – aber weitaus weniger als noch vor einigen Jahren. Ereignisse wie das jährliche Straßenfest am Kleinen Biergrund oder die Offenbacher Woche zögen die Menschen zwar bis aus dem Landkreis in die Innenstadt und bescherten seinem Laden Umsätze – aber das Tagesgeschäft selbst gestalte sich mühsam. „Die alten Offenbacher gehen kaum noch in die Innenstadt“, beobachtet der Händler. „Ich hatte deshalb schon zweimal Räumungsverkauf. Dann kamen sie und erzählten mir, wie schade sie es finden, dass die ganzen schönen Fachgeschäfte aussterben.“

Der Offenbacher City kann er aus dem Grund nicht viel Gutes abgewinnen, kritisiert die Ausbreitung von Billig- und Ramschläden. „Auch ich habe deshalb mein Sortiment draußen an die Laufkundschaft angepasst und billigere Ware ausgestellt“, gibt Schäfer zu. Innen im Geschäft setzt er aber weiterhin auf Qualität. Vor allem für Freunde der Taschenmarke Kipling ist er die erste Anlaufstelle in der Region. Das gilt auch für Regenschirme, obwohl ihr Verkauf allein als Standbein nicht mehr reichen würden. „Früher verkaufte ich allein in der Vorweihnachtszeit etwa 150 edle Regenschirme“, erinnert er sich. „Heute sind es im ganzen Jahr vielleicht zwölf.“

Das liege an einer sich ausbreitenden „Geiz-ist-geil“-Mentalität. Schäfer führt die Edel-Schirmmarke Doppler, die als eine der letzten in Deutschland in Simbach am Inn produziert. Selbst die wohl bekannteste deutsche Schirmmarke Knirps produziere mittlerweile in China – was ebenfalls den veränderten Wertansprüchen der Käufer geschuldet sei. „Dabei ist Billiges niemals gut, Gutes niemals billig. Das sagte schon mein Vater“, berichtet der Fachmann. Sein Vater war es auch, dem er sein Handwerk zu verdanken hat. Schäfers Eltern hatten ein Schirmgeschäft in Langen. Schon von Kindesbeinen an waren ihm daher die Bestandteile eines Regenschirms vertraut – Speichen und Schieber, Federrasten und Kronen, Zwingen und Gabelhäkchen. Den Schirmladen in Offenbach übernahm er vor 28 Jahren, damals noch am Standort Wilhelmsplatz, wo heute die Kaffeerösterei Laier ist. „Acht Tage später kam mein Sohn zur Welt. Es war ein heftiger Monat“, blickt Schäfer schmunzelnd zurück.

Das sind die zehn wertvollsten Marken

Das sind die zehn wertvollsten Marken

Seinen besonderen Service, die Schirmreparatur, bietet Schäfer nach wie vor an, besitzt im Stadtteil Bieber eine Werkstatt. „Früher kamen jeden Monat 20 bis 30 Schirme in einem Paket, heute sind es zwei bis drei“, bedauert er. Bei billigen Schirmen freilich lohne sich eine Reparatur nicht. Die Schirme, die meist wegen verbogener Stangen gebracht würden, seien hochwertige Stücke oder solche, an denen der Besitzer besonders hänge. Er bietet zudem als einer der letzten Händler Austauschteile wie kostbare Knaufe an.

„In zehn, 15 Jahren wird es solche Geschäfte nicht mehr geben“, vermutet der Bieberer. Mit verantwortlich dafür sei der florierende Versandhandel im Internet. „Es ist frustrierend zu sehen, dass die Leute immer wieder online bestellen, selbst wenn sie dabei schon auf die Nase gefallen sind“, sagt der Schirmmacher. Dies einem Einkaufsbummel in einem echten Laden vorzuziehen, kann er nicht nachvollziehen: „Man will sich doch beraten lassen, die Sachen anfassen und anprobieren.“ Schäfer will seinen Laden, der über schöne, helle Räume im sanierten Eckhaus verfügt, drei bis vier Jahre weiter betreiben: „Dann gehe ich in Rente. Das Geschäft übernimmt wohl nach mir niemand. Es kommt bestimmt Gastronomie rein.“

Kommentare