Schlägerei in Offenbacher Diskothek

Auf Türsteher eingetreten: Angeklagte teilweise geständig 

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Offenbach - Überwachungsstaat hin oder her - bei Straftaten sind zufällige Videoaufnahmen ein Segen für die Beweisführung, wie ein Prozess vor dem Landgericht Darmstadt zeigt.

Gleich vier Kameras dokumentieren am 14. September 2014 um 5.03 Uhr die Anwesenheit der vier Angeklagten am Tatort, einer Diskothek in der Bahnhofstraße. Negjmedin S. (32), Mohammad N. (26), Adnan K. (25) und Tamim A. (25) müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Darmstadt verantworten. Die Opfer: zwei Club-Türsteher und ein Gast, der das Pech hatte, von den Schlägern aufgrund seiner Kleidung wohl mit einem Türsteher verwechselt worden zu sein. Zwei in der Decke des Gerichtssaals versenkbare Beamer projizieren die digital- stockenden Disko-Bilder auf die sich gegenüber im Raum herab gelassenen Leinwände. Auf einem roten Teppich zwischen zwei Stehtischen vor der Eingangstür sieht man unzählige hin und her laufende und schubsende Personen, dasselbe im Flurbereich vor Kasse und Garderobe. Ein Regal wird umgerissen. Und dann ein seltener „Glückstreffer“: Eines der je fünf Minuten langen Aufnahmebänder zeigt in erschreckender Deutlichkeit, wie Türsteher A. vor dem Garderobe-Tresen eine Minute lang von den Männern zuerst niedergeschlagen, dann wehrlos am Boden liegend getreten wird. Er erleidet eine Gehirnerschütterung, einen Nasenbeinbruch und mehrere drei Zentimeter lange Schnittwunden, die von zerbrochenem Glas oder einem Messer herrühren müssen.

Sein Kollege G. sieht auf der Videoüberwachung die Gewalt-Szene und will ihm zu Hilfe eilen: Als Antwort soll K. ihm sofort eine Flasche über den Kopf gezogen haben, die eine blutende Wunde reißt. Im allgemeinen Chaos gerät Gast E. im vermeintlichen Türsteher-Outfit zwischen die Fronten. Er soll von N. und K. vermöbelt worden sein. Durch die Attacke stürzt er und fällt auf den Kopf, wodurch der junge Mann neben den Schlagverletzungen in Form von Prellungen, Hämatomen und einer Trommelfellperforation auch noch eine große Platzwunde und ein Schädelhirntrauma davonträgt. Irgendjemand im Club ruft die Polizei, die Täter flüchten, stellen sich jedoch teilweise später freiwillig.

Totschlagprozess um „U60311“-Türsteher

Alle Opfer müssen im Krankenhaus genäht und unterschiedlich lange behandelt werden. Als einziger der drei Geschädigten tritt E, der am schwersten Betroffene, im Prozess auch als Nebenkläger auf. Zwei der Angeklagten, N. und A., legen gleich zu Verhandlungsbeginn über ihre Verteidiger ein mehr oder minder umfangreiches Geständnis ab, die beiden anderen äußern sich nur zu ihren Lebensläufen. „Ich kann mir nicht erklären, wie ich so ausrasten konnte,“ so der Bachelor-Student und ehemalige Zivi A., „Wir hatten in der Nachbar-Disko meinen Semesterabschied gefeiert und wollten eigentlich nach Hause!“ Er habe erhebliche Mengen Whisky getrunken, bereue die Tat zutiefst. Ein Schmerzensgeld sei bereits geflossen. Der Frankfurter ist der einzige, der sich über ein leeres Bundeszentralregister freuen kann.

N., ebenfalls wohnhaft in in der Nachbarstadt, will von Türsteher A. beleidigt worden sein, deshalb habe er „ein- bis zweimal zugeschlagen“. Auch er habe Wiedergutmachung in Form von Geld überwiesen. Im Gegensatz zu seinen Mittätern sitzt er nach wie vor in Untersuchungshaft, was einen guten Grund hat: Die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff verliest satte 16 Einträge aus dem Bundeszentralregister – neun davon wegen Körperverletzung. In der JVA denkt er jetzt über ein Anti-Gewalt-Training nach.

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