Schlechte Bezahlung und gesellschaftliche Geringschätzung

Erzieher demonstrieren: „Aufwertung, jetzt!“

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Offenbach - Ina Herz-Röder hat sicher nicht den längsten Anfahrtsweg gehabt zu dem hessenweiten Streik der Sozialarbeiter und Erzieher. Früh auf den Beinen war sie dennoch. Schon für 8.30 Uhr hat sie ihre Kollegen, Beschäftigte der Offenbacher Erziehungseinrichtungen, eingeladen, vor die Kita 26 an der Berliner Straße. Von Christian Wachter

Neben der Möglichkeit, sich in die Listen für das Streikgeld einzutragen, gab es dort auch die letzten Instruktionen für die Demonstration: wie die Banner bestmöglich positioniert werden und vor allem, wie die Schlachtrufe richtig zu intonieren sind. Und natürlich wird an diesem Morgen auch über die zentrale Forderung der Gewerkschaften Verdi, GEW und dbb (Beamtenbund und Tarifunion) diskutiert: eine höhere Eingruppierung der Erzieher im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD).

Dass um kurz nach 10 Uhr dann ungefähr 150 Offenbacher Erzieher und Sozialarbeiter abmarschbereit sind, erfüllt Herz-Röder mit Stolz. Seit 38 Jahren ist sie für Erziehungseinrichtungen der Stadt tätig, seit 32 in der Gewerkschaft. In dieser Zeit habe sie immer wieder gemerkt, wie die Anforderungen in ihrem Beruf steigen. Inzwischen habe man einen Bildungsauftrag, sei in der Sprachförderung aktiv und arbeite mit einem immer anspruchsvolleren Klientel. Eine Aufwertung, die sich nicht nur in persönlicher Anerkennung ausdrückt, sondern auch auf dem Gehaltszettel widerspiegelt, ist deshalb für sie wie für zahlreiche andere Demonstranten an diesem Tag längst überfällig. Deshalb sei es wichtig, so viele wie möglich aus den jeweiligen Berufsgruppen zu erreichen. „Wir haben viel Werbung gemacht im Vorfeld, sind deutlich mehr als beim letzten Warnstreik. Schön, dass die Aufklärungsarbeit Früchte trägt. Auch die Eltern haben Verständnis.“

Als sich die Delegation schließlich auf den Weg Richtung Büsing-Park macht, wird klar, dass die Schätzung der Gewerkschaften von rund 5 000 Teilnehmern nicht zu hoch angesetzt war. Dutzende Reisebusse aus ganz Hessen und Thüringen sind schon angekommen, Trommelschläge, Pfiffe und der Ruf „Aufwertung, jetzt!“ hallen durch den Park. Bis die Kundgebung richtig losgeht, gibt Jürgen Bothner, Landesbezirksleiter von Verdi Hessen, den Motivator. Mit einem Hauch von Stadionsprecher in der Stimme fordert er die Demonstrationsteilnehmer zu Wechselgesängen auf: „Wir arbeiten ...“ „Für die Zukunft!“ „Wir arbeiten ...“ „Richtig gut!“ „Danke!“ „Bitte!“. Später macht er sich besonders für die Sozialarbeiter und Beschäftigten der Behindertenhilfe stark. Gerade diese käme in der aktuellen Debatte oft zu wenig zu Wort.

Die erste Rede hält aber Achim Meerkamp, Mitglied des Verdi-Bundesvorstands. Man habe eine andere Situation als bei den vergangenen Verhandlungen 2009. Die Finanzkrise sei vorbei, eine Aufwertung der Erziehungsberufe bezahlbar und die kommunale Familie von selbiger keinesfalls überfordert. „Wir wollen niemanden privilegieren, aber die Benachteiligung stoppen.“ Bestätigt wird er kurz darauf von Aydan Karakas-Blutte, Personalratsvorsitzende der Stadtverwaltung in Kassel. Diese verleiht der an diesem Tag oft gestellten Forderung nach einer Eingruppierung der Erzieher in die Entgeltgruppe S 10 des TVöD Nachdruck. Momentan steht diesen ein Gehalt nach S 6 zu, auch wenn einige Kommunen, darunter auch die Stadt Offenbach, bereits nach S 8 bezahlen.

Tarifverhandlungen: Tausende Erzieher auf der Straße

Tarifverhandlungen: Tausende Erzieher auf der Straße

Die Demonstranten sind zu diesem Zeitpunkt längst voll bei der Sache, die Pausen zwischen den Reden werden immer wieder genutzt, um den Forderungen mit Sprechchören Nachdruck zu verleihen. Ideale Voraussetzungen für Ina Herz-Röder, die sich nun auch in die Liste der Redner einreiht. Sie freut sich über die „tolle Stimmung“, schiebt aber auch nach, dass diese nur so gut sei, weil man nicht wisse, was da gerade verhandelt wird. Und so gibt sie sich am Ende kämpferisch: „Wir kommen so lange wieder, bis wir eine vernünftige Eingruppierung haben“.

Bevor die Streikenden zu einem Demonstrationsmarsch entlang der Berliner Straße bis zur Carl-Ulrich-Brücke aufbrechen, tritt Clemens Selzer ans Mikro. Er spricht für jene, die vielen an diesem Tag als unterrepräsentiert gelten: Er kommt von den Oberurseler Werkstätten, arbeitet seit 38 Jahren mit Behinderten. Momentan würden er und seine Kollegen im Tarifvertrag nicht explizit genannt. Umso wichtiger seien die Verhandlungen ein paar Meter weiter im Sheraton Hotel: „Was jetzt verhandelt wird, kann jahrzehntelang Auswirkungen haben.“

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