Schlechte Note für Produktivität

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Alt und neu bleiben nebeneinander bestehen: Der auf acht Millionen Euro geschätzte Abriss des Altbaus ist erst einmal gestoppt.

Offenbach - Die Durchleuchtung des schwer kränkelnden Patienten erlaubt keine beruhigende Diagnose. Er leidet an Geburtsfehlern, die nur mit einer Radikaloperation zu beseitigen sind, und unter einer Vielzahl von strukturellen Funktionsstörungen. Von Thomas Kirstein

Deren Behebung bedarf ebenfalls schmerzhafter Einschnitte, bevor eine langwierige und harte Kur beginnt. Der Patient auf der Intensivstation ist das städtische Klinikum Offenbach. Die Symptome seiner Krankheit lassen sich in Euro beziffern: 220 Millionen Altschulden, zu denen sich allein in diesem Jahr weitere 42 Millionen addieren werden. Eigentlich lebt der Patient nur noch, weil ihm ein aus öffentlichen Mitteln gespeister Tropf gegönnt wird.

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Radikalkur fürs Klinikum

Stellenabbau (insgesamt 300 von 2700, bis Ende des Jahres sollen schon an die 70 weg sein), erneuter Gehaltsverzicht der Mitarbeiter, die Zurückstellung von Investitionen und Planungen, die Optimierung zahlreicher Abläufe und interner Gegebenheiten sollen zum Heilungsprozess beitragen. So empfehlen es die Diagnostiker von der kommunalen Berliner Klinikgruppe Vivantes, die seit Anfang August das Offenbacher Klinik-System auf Herz und Nieren geprüft haben. Das Ergebnis, wie es Interims-Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz gestern vorstellte, lässt den Schluss zu: Der Organismus schädigt sich durch mangelhaftes Zusammenwirken mancher Organe auch selbst.

Von den 42 Millionen Euro, die in diesem Jahr fehlen, gehen nur rund 17 als Zinsen und Abschreibungen auf das Konto des 160 Millionen Euro teuren Neubaus, das Übrige Minus ergibt sich, weil die Erlöse nicht für die Aufwendungen ausreichen.

Wie dies zu ändern wäre, muss vor der von Krankenhausdezernent Michael Beseler angepeilten Entschuldung mit Hilfe des Landes nachvollziehbar dargelegt werden. Ob bei der Umsetzung des Sparkonzepts die zunächst für sechs Monate verpflichtete Vivantes eine Rolle spielen wird, ist offen.

Der Befund der Berliner, die als sechsköpfige Helfertruppe an den Main kamen, vermittelt nun nicht den Eindruck, als sei das Klinikum allein von äußeren Umständen an den Rand des Abgrunds getrieben worden.

Als Sofortmaßnahme wurde ein Einstellungsstopp verfügt

Franziska Mecke-Bilz präsentierte einen Vergleich, nach dem sich das Offenbacher Haus auf einem unteren Produktivitätsniveau befindet: Pro Vollkraft werde rechnerisch weniger geleistet als in vielen anderen Kliniken. Zudem leiste man sich zu lange Patienten-Verweildauern und habe die Materialkosten ausufern lassen. Der Wäscheverbrauch sei zu hoch, die Reinigung hat „deutliche wirtschaftliche Reserven“.

Als Sofortmaßnahmen hat die Interims-Geschäftsführung einen Einstellungsstopp verfügt. (was nicht die Wiederbesetzung notwendiger Positionen verhindert), will einige Stationen schließen und hat die Inbetriebnahme einer teuren Aufnahmestation gestoppt. Gestrichen wurde die Planung für das Logistikzentrum in Bieber-Waldhof, an Geräten wird nur noch angeschafft, was zur maximalen Versorgung notwendig ist.

Alt und neu bleiben nebeneinander bestehen: Der auf acht Millionen Euro geschätzte Abriss des Althaus ist erst einmal gestoppt.

Die Einschnitte sind in enger Absprache mit den 16 Chefärzten erfolgt. Dass die leitenden Mediziner die Sanierung mittrügen, sei ein entscheidender Aspekt, sagte der Ärztliche Direktor, Prof. Dr. Manfred Rilinger. So gibt es von dieser Seite keinen Widerstand gegen den Personalabbau, der sich über Fluktuation und Abfindungsangebote vollziehen soll. Die Versorgung werde dabei gewährleistet sein, versicherte Mecke-Bilz: „Im Personal ist einiges an Luft drin, es gibt Mitarbeiter, die sind nicht so stark belastet wie andere. Bei der Anzahl der Vollzeitkräfte liegt Offenbach über dem Schnitt.“ Im Vergleich sei man tatsächlich überbesetzt, bestätigte Professor Rilinger: „Wir haben ein Polster.“ Kämmerer Beseler brachte den Begriff der „unproduktiven Belastung“ ein.

Weitere Baustellen sind ein trotz „blendender IT-Ausstattung“ unzureichend vernetztes Berichtswesen, eine fehlende interne Leistungsverrechnung, zu lange Rechnungslaufzeiten, eine grundsätzlich ungenügend aufgestellte Verwaltung.

In erster Linie aber muss das Klinikum mehr Patienten anziehen - und darunter möglichst viele mit Erkrankungen von lukrativem Schweregrad. Laut Klinik-Chefin Mecke-Bilz sind Notfallpatienten oft in andere Krankenhäuser gebracht worden, weil Betten in Offenbachs Intensivstation wegen Personalmangels gesperrt waren. Um das künftig zu vermeiden, werden nun Sonderschichten mit Zuverdienstmöglichkeit für die Mitarbeiter angeboten.

"Klinik ist in der Lage wesentlich mehr Patienten zu versorgen"

Im Operationsbereich sollen die vorhandenen Kapazitäten ausgenutzt werden. „Die OP-Ausstattung ist hervorragend“, meinte Mecke-Bilz, „aber die Menschen, die sie nutzen sind nicht optimal in ihrem Miteinander.“ Es hapert an Absprachen. Defizite sieht sie in der Notaufnahme, deren Abläufe verbessert werden könnten.

Das Klinikum sei in der Lage, wesentlich mehr Patienten zu versorgen, betonte die Vivantes-Frau. Es dürfe nicht länger der Fall sein, dass niedergelassene Ärzte in Stadt und Kreis konsequent niemanden nach Offenbach schickten. Die geplante Gegenmaßnahme nennt sich „Einweiserbindungsprogramm“.

Schlagen die internen Therapien an, könnte der Patient nach Einschätzung der Berliner Diagnostiker 2015 insofern geheilt sein, als sich dann Einnahmen und Ausgaben decken sollten. Voraussetzung wären Zustimmung der direkt Beteiligten und politische Weichenstellungen. Offen ist, ob sich die in der Vergangenheit schon sehr opferbereiten Arbeitnehmer auf neuerliche Einbußen einlassen.; die Stadt müsste das Klinikum entschulden, Besitz und Betrieb trennen, und nochmals tief in die Tasche greifen, um das Haus kurzfristig am Leben zu erhalten. Beides ist aber nur zu leisten, wenn das Land mitspielt.

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