Güterichterinnen Carolin Diepenthal und Ursula Osypka-Gandras

Schlichtung statt Prozess

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Carolin Diepenthal (links) und Ursula Osypka-Gandras sind Familienrichterinnen am Amtsgericht und übernehmen nun auch die Aufgaben eines Güterichters.

Offenbach - Ärger mit dem Nachbarn? Wenn ein Wort das andere ergibt, der anfangs nichtige Streit am Gartenzaun sich zuspitzt und schließlich der letzte Tropfen hinzukommt, bewahrheitet sich nicht selten die Drohung: „Wir sehen uns vor Gericht!“ Normale Kommunikation scheint nicht mehr möglich. Von Veronika Schade 

Oder mit dem Ex-Partner: Die große Liebe ist gewichen, übrig bleibt Enttäuschung und Hass. Die Fronten sind verhärtet. Die Frage, wer von Beiden den Fernseher bekommt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Bei einem Gerichtsprozess bleibt der menschliche Aspekt, oft tief verborgene Kränkungen, außen vor. Es geht um den Streitgegenstand selbst, harte Fakten, Paragrafen. Mitunter treffen die Parteien noch öfter vor Gericht aufeinander, weil das Grundlegende nicht geklärt ist. Gerade für solche zivilrechtlichen Fälle bietet sich ein alternativer Weg an, bei dem alle Seiten eine einvernehmliche Lösung finden, ohne Gerichtsentscheid, aber doch mithilfe von Richtern – das Güterichterverfahren.

Im Jahr 2012 wurde es eingeführt, gesetzlich vorgesehen ist es seit August 2013. Jedes Amtsgericht muss seitdem Güterichter in seinen Reihen haben. In Offenbach war dies bisher Amtsgerichtspräsidentin Elisabeth Fritz, die zum 1. Mai ans Amtsgericht Wiesbaden wechselte. Die Nachfolge ist jedoch gesichert: Drei Amtsrichter haben diese zusätzliche Aufgabe übernommen, darunter die Familienrichterinnen Ursula Osypka-Gandras und Carolin Diepenthal.

„Man kann anders agieren als sonst“

„Ich mache es aus purem Interesse. Man kann anders agieren als sonst“, erklärt Osypka-Gandras ihre Beweggründe. Es sei spannend, wie viel mehr hinter einem Fall stecke, der beim Gerichtsprozess nur auf eine Sache reduziert werde. Dabei könne es schon mal emotional werden. Ohne psychologisches Einfühlungsvermögen und gesunden Menschenverstand funktioniere keine Mediation. Die geeigneten Methodiken haben die Güterichterinnen in einer speziellen Weiterbildung gelernt. „Wir übernehmen die Aufgabe eines Moderators, schaffen eine konstruktive Gesprächsatmosphäre, helfen den Leuten, selbst eine Lösung zu finden“, berichtet Diepenthal.

Der Gesprächsbedarf ist erfahrungsgemäß groß – wenn die Betroffenen sich für diesen Weg entscheiden, was auf freiwilliger Basis geschieht. Nicht jeder überwindet sich, mit dem verhassten Nachbarn, der Ex-Frau oder der nörgelnden Schwiegermutter zusammenzusetzen. „Wir schicken Einladungen, keine Vorladungen“, sagt die 41-Jährige. Auch das Umfeld unterscheidet sich: „Wir treffen uns am runden Tisch, sind in keinem Gerichtsaal, tragen keine Robe.“

Es werden nur Fälle behandelt, die bereits als laufendes Verfahren das Amtsgericht beschäftigen. Der zuständige Richter, der sogenannte „erkennende Richter“, kann die Mediation anregen. Auch ein Anwalt hat die Möglichkeit dazu. „Bisher ist es noch nicht so in aller Munde, viele wissen davon gar nicht“, beobachten die beiden Güterichterinnen. Sie bekommen eine eigene Akte, bewahren Stillschweigen über das bei ihnen Besprochene. „Wir können nicht im Strafverfahren aussagen“, sagt Osypka-Gandras und stellt zudem klar, dass ein Güterichterverfahren und eine außergerichtliche Mediation zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. „Wir wollen keine Konkurrenz“, so die 52-Jährige.

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Das erhoffte Ziel ist die Befriedung. Wenn die Beteiligten eine einvernehmliche Lösung finden, selbstverständlich unter Beachtung des Gesetzes, wird sie notariell oder anwaltlich festgehalten und beim nächsten Gerichtstermin protokolliert. Das Verfahren ist damit beendet. Wird keine gütliche Einigung erreicht, geht der Prozess ganz normal weiter.

Ihre häufigsten Fälle sind Nachbarschaftsstreitigkeiten, vor allem bei Wohnungseigentümergemeinschaften. Insgesamt ist die Zahl der Güterichterverfahren aber bisher überschaubar – Vorgängerin Fritz betreute etwa zehn. Die neuen Güterichterinnen sind gespannt auf ihre künftigen Aufgaben, hoffen möglichst auf Aussprachen und Versöhnungen. Jene Dinge eben, für die im Gerichtssaal keine Zeit bleibt.

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