Baum auf dem Prüfstand

Fällt die Säuleneiche oder nicht?

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Benedikt Merget legt einen dicken Gurt um den Stamm der Rumpenheimer Säuleneiche, sodass er mit seinem Kollegen Dirk Immke am Baum ziehen kann.

Offenbach - Die Bekannte erkannte darin einen Aprilscherz der Redaktion. „Das ist nicht dein Ernst?“ Doch! Und nicht alles, was am 1.4. in gedruckter Form erscheint, entbehrt einer seriösen Grundlage. Von Martin Kuhn

Tatsächlich überprüft gestern Vormittag ein Baumkontroll- und Sachverständigenbüro die Standsicherheit der markanten, 24 Meter hohen Säuleneiche im Schlosspark – unter den interessierten Augen der Bürgerinitiative Rumpenheim. Benedikt Merget steigt in das Klettergeschirr, zieht den Helm fest. Dann erklimmt er die Leiter, die am markanten Baum lehnt. In gut vier Meter Höhe wechselt er in die erste Astgabel. Die mühsame Aufgabe: Merget muss einen dicken Gurt um den Stamm legen, der gut 4,30 Meter Umfang hat. Beinahe auf Bodenhöhe montiert er Dilatometer, spezielle Geräte, die Dehnung und Stauchung am Baumstamm auf 1/1000 Millimeter messen. Um das zu ermitteln, ist eine Zuglast von drei Tonnen notwendig.

Mittels Greifzug, den Dirk Immke manuell betätigt, zieht ein Stahlseil an der Säuleneiche. Das Seil ist mit Polyesterschlaufen befestigt, um Verletzungen an den Bäumen zu vermeiden – den Kontrapunkt bildet eine Platane der Allee. Diese Kraft stellt die Ersatzlast für den Wind dar. Die Werte werden per Computerprogramm für das Verhalten des Baumes im Orkan hochgerechnet. „Und, wie sieht es aus?“, wollen die Rumpenheimer natürlich sofort wissen. Eine Tendenz will und kann Merget nicht geben. Das detaillierte Ergebnis übermittelt er in der nächsten Woche an das Umweltamt. Dieser Zugversuch kostet die Stadt etwa 1200 Euro. Unnötig? Schließlich fegt Orkantief Niklas tags zuvor über Deutschland - mit Spitzenböen von 192 Stundenkilometern, ermittelt auf der Zugspitze. „Nein. Das kann man so punktgenau nicht festlegen; in der Baumkrone sitzt ja kein Windmesser“, entkräftet er diesen Einwand. Dabei gehen die Mitarbeiter des beauftragten Büros sehr behutsam vor. Mit einem Neigungsmesser beobachten sie genau, wie der Baum unter der Zuglast reagiert. „Wir gehen bis maximal 0,3 Grad, dann beginnen die Feinwurzeln zu reißen – das wollen wir vermeiden.

Die Fachleute stufen die Säuleneiche (auch Pyramideneiche), deren Alter nicht genau zu definieren ist, inzwischen als „stark geschädigt“ ein.  Merget klopft am Stamm gegen eine ausgeformte Stelle. Es klingt hohl und offenbart einen älteren „mechanischen Schaden“. Dort habe der innere Holzkörper frei gelegen, was ein Baum bis zu einem gewissen Punkt ausgleichen kann. Was die Eiche jedoch mehr schädigt, sind verschiedene aggressive Pilze. Er nennt Schwefelporling, Lackporling und Eichenwirrling. Zu verhindern ist ein Befall nicht. Die Sporen verbreiten sich über die Luft... Die aktuelle Diagnose laut Umweltamt: „Erheblicher Fäulefortschritt an den Wurzelanläufen Richtung Main und Gebäude.“ (Seitenflügel des Schlosses, Anm. der Red.) Eine Ausbesserung solcher Schäden ist nicht möglich. Die sogenannte Baumchirurgie, bis in die späten 80er Jahre angewendet, hat sich mittlerweile überholt. Falls nach Auswertung des Zugversuchs eine eingeschränkte Standsicherheit festgestellt wird, bleibt allein ein neuerlicher Rückschnitt der Krone - der letzte erfolgte 2002.

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