Schlüssel zur guten Bildung

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So geht Schule heute: Von der Decke lässt sich ein Versorgungsarm mit Strom-, Gas- und Computer-Anschluss von der Decke senken.

Offenbach -  Festakt für einen Neubau; gefeiert wird allerdings im Altbau. Das hat pragmatische Grunde: Die Albert-Schweitzer-Schüler werden längst im neuen Fachklassenbau unterrichtet, für den gestern offizielle Schlüsselübergabe ist. Von Martin Kuhn

Es gibt lobende Worte, gediegene Musik und leckere Häppchen, während die Buben und Mädchen mehr oder weniger folgsam pauken. Keine Frage: Das Leben ist ungerecht... 

Es gibt einen Schönheitsfehler, der beim angebotenen Rundgang durch den Neubau an der Gabelsberger Straße sichtbar wird: Die Fassade ist zum offiziellen Termin nicht fertig geworden. Laut Architekt Hubert Zimmermann ist das beauftragte Unternehmen „einfach nicht mehr auf die Baustelle gekommen“. Inzwischen ist eine andere Firma beauftragt, die die restliche Dämmung und Fassadenplatten montiert: „Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Passivhaus-Standard hebt Neubau von anderen Gebäuden ab

Der vierstöckige Neubau ist weit entfernt von jenen Standards, als ein Lehrer Lämpel unterrichtete. Zur Ausstattung des Gymnasiums zählen nun digitale Tafeln und interaktive Beamer. Die Naturwissenschaftler fahren bei Bedarf „Arme“ von der Decke herab, die alle Versorgungsleitungen beinhalten - inklusive PC-Anschluss. Und bis 2010 werden die Räume mit einem computergestützten Messwert-Erfassungssystem ausgestattet. Auf den 1 500 Quadratmetern Hauptnutzfläche finden zudem je acht Klassen- und Differenzierungs-, zwei Hausaufgaben- sowie Verwaltungs- und Nebenräume Platz.

Was den Neubau abhebt von vergleichbaren Gebäuden, ist der Passivhaus-Standard. Ein Prinzip, das heute vor allem in Einfamilienhäusern Anwendung findet. Grundidee: Häuser werden allein durch Körperwärme geheizt, Fenster sind im Grunde unnötig. Dafür ist ein „Nutzerverhalten“ notwendig, das der Architekt nicht in einer Schule erwartet. Dennoch ist Zimmermann froh, dass die Stadt diesen Schritt gewagt hat - in dieser Größe ist es ein Passiv-Pilotprojekt. Dabei setzen die Experten auf einen Erdwärmetauscher. Vereinfacht: Zwei Meter unter dem Gebäude liegt ein Leitungssystem, das die angesaugte Frischluft im Winter erwärmt und im Sommer kühlt.

„Wir machen ernst, wir setzen unsere Ziele um.“

Diese technischen Raffinessen faszinieren auch Politiker, die freilich einen weiteren Bogen spannen. Oberbürgermeister Horst Schneider sieht im neuen ASS-Fachklassentrakt ein „erstes Zeichen für unsere Aufholjagd in der Bildung“. Das Signal an die Bürger: „Wir machen ernst, wir setzen unsere Ziele um.“ Und im Nebensatz gibt der Sozialdemokrat zu, dass das in Offenbach nicht immer so gewesen ist: „Das ist in den letzten Jahrzehnten etwas vernachlässigt worden.“

Er erinnerte daran, dass das 250-Millionen-Paket (bis 2017) „die Stadt an die Grenzen des finanziell Machbaren bringt“. Als ehemaliger Lehrer hat der heutige Oberbürgermeister Wünsche an Schulleiter Ulrich Schmidt: Der außerschulischen Aufwertung soll eine innerschulische Entwicklung folgen. Eine soziale Kontrolle soll dafür sorgen, „dass wir vor Sanierungen verschont bleiben“.

Magistrats- und Koalitionspartner Paul-Gerhard Weiß sieht im gebackenen Schlüssel, den er mit dem OB überreicht, mehr als einen Türöffner: „Es ist auch ein Schlüssel zur guten Bildung.“ Diese zu ermöglichen und voranzubringen erachtet der FDP-Politiker als „wichtigste Aufgabe“. Weiß weiter: „Und Offenbachs Schulen gehören bald zu den Besten in der Region“. Dass zunächst die drei Gymnasien vom Millionen-Paket profitieren, hat seinen Grund. Die Umstellung auf den Ganztagsbetrieb ist notwendig, weil sich der Bildungsgang dort im Zuge der G8-Reform von neun auf acht Jahre verkürzt. Das führt dazu, dass mehr Unterricht am Nachmittag stattfindet. Zudem steigen die Schülerzahlen kontinuierlich an. Inzwischen wechseln 45 Prozent der Grundschüler aufs Gymnasium. Weiß sagt nicht allein mit Blick auf den Fachklassentrakt: „Besser kann man Steuergelder nicht anlegen.“

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