Bieberer Schlupf

Von Anfang an Gemüter erregt

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Der Bieberer Schlupf ist 145 Meter lang. In der Unterführung trifft die Bremer auf die Seligenstädter Straße.

Bieber - Kein anderes Bauwerk wird in Bieber, vom alten Bahnhofsgebäude mal abgesehen, so emotional diskutiert wie der Schlupf an der Seligenstädter Straße. Von Veronika Schade 

Die kombinierte S-Bahn-Über- und Straßenunterführung erregte die Gemüter bereits in der Planungs- und Bauphase – und tut es heute noch. Vor allem, wenn wieder ein Fahrzeug darin stecken bleibt. Der vorerst letzte einer langen Reihe von Vorfällen ereignete sich im August vorigen Jahres, als der junge Fahrer eines großen Mähdreschers auf Vorführtour durch Hessen offensichtlich alle Warnhinweise übersah und feststellen musste, dass vier Meter nicht in 3,30 Meter passen. Wie Schilder rechtzeitig anzeigen, lässt die Ortsdurchfahrt nur jene Höhe zu. Schon am Bieberer Berg wird größeren Lastwagen die Umfahrung über die Bundesstraße 448 empfohlen. Kurz vor der Tunneleinfahrt hängen Durchfahrtbegrenzer.

Die Beschilderung wurde an Knotenpunkten nachgebessert, nachdem der Schlupf kurz nach seiner Eröffnung als „Lkw-Falle“ in die Schlagzeilen geraten war. Dem 13,2 Millionen Euro teuren Bauwerk hing ohnehin der Ruf eines Schildbürgerstreichs nach. Denn bereits beim Bau, der die Seligenstädter Straße drei Jahre lang in eine „Sackgasse“ mit umständlicher Umleitung verwandelte, zeigten sich Fehlplanungen – etwa die nicht berücksichtigten Dimensionen von Gelenkbussen des öffentlichen Nahverkehrs: Bei der ersten Probefahrt waren die Busse prompt mit der Karosserie auf der stark geneigten Fahrbahn aufgesessen sowie mit der hinteren Achse am rechten Fahrbahnrand über den Bordstein gefahren.

Mähdrescher bleibt im Schlupf stecken

Erst die zweite Testfahrt gelang, nachdem an beiden Seiten entlang der Fahrbahn in Richtung Waldhof so genannte „Kasseler Borde“ als Randsteine eingelassen worden waren. Zudem wurde der Fahrbahnbelag auf einer Fläche von 220 Quadratmetern ausgeschnitten und neu aufgefüllt. Trotz oder gerade wegen dieser Probleme: Zur Freigabe des Schlupfs am 22. April 2003 kamen fast 400 Schaulustige.

Um ungestört durchzukommen, können Busfahrer bei Einfahrt in den Schlupf von der Bremer Straße aus den Verkehr anhalten. Auch im Winter ist an die Sicherheit gedacht – eine eingebaute Fahrbahnheizung sorgt dafür, dass sich auf dem Gefälle innerhalb der Unterführung von bis zu zwölf Prozent keine Straßenglätte bilden kann. Fühler entlang der Strecke lassen sie anspringen, wenn eine gewisse Temperatur unterschritten wird.

Wo Autofahrer am längsten im Stau stehen

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Auch knapp elf Jahre nach Inbetriebnahme des Schlupfs werden weiter kritische Stimmen laut. So kommentiert „Carlo57“ nach dem Mähdrescher-Unfall auf der Internetseite unserer Zeitung: „Wer hat diesen verkehrstechnischen Unfug entworfen, durchgeplant und ausgeführt? Da soll man ansetzen! Bieberer Schlupf, selten dämlich, mir fällt dazu nichts mehr ein.“ Doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann das nächste Fahrzeug hängen bleibt. Oder, um es mit den Worten von Online-Kommentator „Unternehmermeinung“ zu sagen: „In Bieber stehen sehr viele Schilder im Vorfeld. Aber geistig umsetzen muss man diese schon.“

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