Schmerzen besser lindern

Offenbach - Ingrid Haselhorst hat ständige Schmerzen. Seit 50 Jahren leidet sie unter Arthrose, zwei Lendenwirbel sind irreparabel zerstört - der eine eingedrückt, der andere ausgehöhlt. Ihre Beine sind schwer, maximal fünf Minuten kann sie langsam gehen, nach 20 Metern muss sie eine Pause einlegen. Von Denis Düttmann

Von ihren Ärzten fühlt sich die 70-Jährige indes im Stich gelassen. Der Hausarzt weiß nicht weiter, der Orthopäde verschrieb ihr eine 1000 Euro teure Krankengymnastik, die nicht half, gab ihr Spritzen und Infusionen, die das Leiden nicht lindern konnten. „Er wollte nur mein Bestes - mein Geld“, klagt Haselhorst.

Die ständigen Schmerzen machen ihr zu schaffen, nehmen ihr die Freude am Leben. „Ganz schmerzfrei werde ich wohl nie leben können, aber es muss doch eine Therapie geben, die es mir ermöglicht, den Rest meines Lebens noch zu genießen“, sagt sie. Sie ist zwar nicht sterbenskrank, doch ihre Leiden ähneln denen von Patienten, für die es keine Heilung mehr gibt und die von den ständigen Schmerzen zermürbt werden.

Um die Behandlung unheilbar kranker Patienten im letzten Lebensabschnitt zu verbessern, haben sich im vergangenen Herbst Mediziner, Wohlfahrtsverbände und ambulante Pflegedienste zum Palliativnetzwerk Stadt und Kreis Offenbach zusammengeschlossen. „Palliation“ ist die lindernde Behandlung im Gegensatz zur heilenden oder oder vorbeugenden.

Ziel des Vereins ist es, Pflege, Therapie und Behandlung bessern aufeinander abzustimmen, um den Kranken unnötige Schmerzen zu ersparen und die Lebensqualität der Patienten zu erhalten oder sogar zu verbessern. „Wer mit unheilbar Kranken zu tun hat, muss für deren besondere Bedürfnisse sensibilisiert werden“, sagt einer der Gründer des Netzwerks, Dr. Eckard Starke. „So sollten die Patienten in einer von ihnen gewünschten Umgebung behandelt, auf belastende und unnütze Therapiemaßnahmen verzichtet sowie eine effektive Schmerztherapie verordnet werden.“

Der Hausarzt und Fachmann für Palliativmedizin schlägt beispielsweise großzügigen Einsatz von Opioiden vor. Diese starken, morphinartigen Schmerzmittel unterliegen in Deutschland zu einem großen Teil dem Betäubungsmittelgesetz. „Viele Ärzte haben Hemmungen, diese Medikamente zu verschreiben - das ist in der Situation von Palliativpatienten aber nicht angebracht“, kritisiert der Mediziner. Seiner Einschätzung nach könnten mit Opioiden die meisten Todkranken ihre letzten Wochen oder Monate schmerzfrei verleben.

Auch die Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) moniert eine unzureichende Schmerztherapie in Deutschland. „Mediziner müssen sich in Deutschland in ihrem Studium mit der Schmerztherapie überhaupt nicht auseinandersetzen“, beklagt DGSS-Präsident Rolf-Detlef Treede. „Obwohl Schmerz bei weitem der häufigste Grund ist, zum Arzt zu gehen, kann man hierzulande Arzt werden, ohne je Schmerztherapie gelernt zu haben.“ Hinzu komme, dass die Krankenkassen eine Verzögerungstaktik verfolgten und Geld nicht an die behandelnden Ärzte weiterreichten.

Dabei sei die Gesetzeslage in Deutschland sogar vorbildlich: Seit April 2007 haben Patienten ein gesetzlich verbrieftes Recht auf ambulante palliativmedizinische Versorgung am Lebensende, die es ihnen erlaubt, schmerzfrei und in Würde zu Hause zu sterben. „Die Krankenkassen sind in der Pflicht, schnell eine Lösung zu finden, damit das Geld, das die Bundesregierung für die ambulante palliativmedizinische Versorgung bereitgestellt hat, auch beim Patienten ankommt“, sagt Stefan Wirz, Sprecher des Arbeitskreises Tumorschmerztherapie der DGSS.

Ingrid Haselhorst wird noch einige Zeit mit ihren Schmerzen leben müssen: Erst Ende Juni hat sie einen Termin beim Neurologen erhalten, der sie dann an die Schmerzambulanz Frankfurt überweisen kann. „Ich hoffe, dass dort endlich etwas gegen meine ständigen Schmerzen getan wird. Bis jetzt bin ich von meinen Ärzten nur enttäuscht worden“, sagt sie.

Weitere Infos zum Palliativnetzwerk unter www.hausarzt.ketteler-krankenhaus.de

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