Schmerzhafte Verjüngung

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Unfreiwillig der Mann des Listenparteitags: Erich Strüb.

Offenbach ‐ Man kann es als Generationenkonflikt werten. Man kann aber auch eine Abstrafaktion gegen einen ebenso altgedienten wie unbequemen Genossen erkennen, der noch nie viel von der Fraktionsdisziplin hielt und gerne mal den Abweichler gibt. Von Thomas Kirstein

Erich Strüb ist der Mann im Mittelpunkt des Listenparteitags der Offenbacher SPD. Die Frage, wo der 74-Jährige auf dem Wahlvorschlag für die Stadtverordnetenversammlung platziert wird, verleiht der ansonsten eher fad-bedächtigen Samstagsveranstaltung im Bürgerhaus Rumpenheim Würze.

Schon der erste Blick auf den Kandidatenvorschlag von Parteivorstand und Beirat lässt den Konflikt vorausahnen. Der Lauterborner Strüb, keiner der Leisen und Unauffälligen im Stadtparlament, findet sich auf Rang 40 von 71. Wenn die Wähler am 27. März nicht eifrig von der Möglichkeit des Kumulierens und Panaschierens Gebrauch machen, ist das nach realistischem Ermessen keine Position, die das Prädikat „aussichtsreich“ verdiente. Derzeit hat die SPD, hinter der CDU zweitstärkste Kraft im Rathaus, 22 Sitze.

„Ältere Generation will ihre Interessen vertreten“

Es ist Alt-Oberbürgermeister Wolfgang Reuter, der den Strüb- und Generationen-Konflikt öffentlich thematisiert. Als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft 60 Plus formuliert er die Enttäuschung der Parteisenioren und die Empörung über den Umgang mit dem Parlamentsveteranen. Die Liste, die er erst am Vormittag erhalten habe, entbehre der vom Parteivorstand versprochenen Ausgewogenheit. Die 60-Plus-Vorschläge seien im vorderen Feld nur unzureichend berücksichtigt. Parteifreund Strüb, so sagt es Reuter, sei wohl häufig ungeduldig, wild und bisweilen auch ausfällig, besonders wenn es um seine Herzensanliegen, die Zukunft des Klinikums und die Rekommunalisierung der EVO, gehe. Aber solche Querdenker brauche die Fraktion. „Und nicht die dicke Soße der Einvernehmlichkeit“, sagt Reuter und beantragt Kampfabstimmung: Harald Habermann (59), dem er arrogantes Verhalten in Sitzungen vorwirft, soll Platz 20 für Strüb räumen.

Vorstandsbeisitzer Holger Hinkel (45) spricht für Habermann, Stefan Metz (37), der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, für Strüb. Ulla Peppler (75 und auf Platz 11) fühlt sich durch die Klagen über mangelnde Berücksichtigung der älteren Generation diskriminiert. Grete Steiner (66 und Platz 4) sieht ein Problem der Gesellschaft gespiegelt: Die ältere Generation wolle ihre Interessen vertreten, aber es müsse auch Platz für die Jüngeren gemacht werden.

Zusammenstellung der Liste „harte Sache“

Es wird abgestimmt: Von 64 Delegierten wollen sich sechs nicht entscheiden, 39 sind für Habermann, 19 für Strüb. Der gibt sich nachher kämpferisch: „Noch ist nicht Zahltag.“ Der bekannte und im Vereinsleben präsente Strippenzieher setzt wohl auf den Hermann-Schoppe-Effekt. Der CDU-Ehrenvorsitzende hatte sich einst freiwillig auf den letzten Listenplatz setzen lassen, war dann aber von den kumulierenden Wählern wieder ins Parlament geschickt worden.

Die gesamte Kandidatenliste wird dann aber mit deutlicher Mehrheit verabschiedet. Es gibt nur acht Gegenstimmen und zwei Enthaltungen. Den Spitzenplatz behält Stephan Färber (60). Der Fraktionsvorsitzende gibt zu Beginn des von Manfred Wirsing geleiteten Parteitags eine Leistungsbilanz der vergangenen Jahre ab. Eine Liste sozialdemokratischer Erfolge, versteht sich, errungen in einer von ihm als „weitgehend gut“ gelobten Partnerschaft mit Grünen mit FDP. Färber betont den Willen zur Fortsetzung dieser Koalition, für die Opposition hat er nur die Bemerkung übrig, dass dieser nichts eingefallen sei.

Dr. Felix Schwenke (31), als Unterbezirksvorsitzender der personifizierte Verjüngungswille der Offenbacher SPD, gibt zu, dass die örtliche CDU den altersmäßigen Wandel schneller geschafft habe. Die Zusammenstellung der Liste sei eine harte Sache gewesen, sagt, weil über sehr viele verdiente Genossen habe entschieden werden müssen. Bei denen, die, wie Bruno Persichili (62), ihre vorderen Plätze freiwillig räumten, bedankt er sich.  Die Entscheidung über den Erich, sagt Schwenke später, sei nicht leicht gefallen; eigentlich habe man ihm ein eleganteres Abtreten von der politischen Bühne ermöglichen wollen, Strüb habe aber lieber den idealen Zeitpunkt dafür verpasst.

Jetzt sind auf den Rängen 1 bis 30, auf denen von Volksvertreter-Würden wenigstens geträumt werden darf, immerhin fünf Kandidaten unter 35 Jahren, neben dem Parteichef (Platz 3) etwa Anna-Kristina Tanev (26, Platz 18) und Martin Wilhelm (24, Platz 9). Abdelkader Rafoud (Platz 5)), der Vorsitzende des Ausländerbeirats, Maria Carmela Dinice-Lehmann (Platz 13), Alptug Taskin (Platz 19), Mete Özcan (Platz 27) und Athanassios Sotiriou (Platz 29) sind unter den ersten 30 der Migrationshintergrund, den die Partei nach den Worten Schwenkes unbedingt braucht, um auf Dauer bestehen zu können.

Gar nicht mehr auf der Liste, aus unterschiedlichen Gründen, sind die bisherigen Stadtverordneten Gertrud Helduser (mit Applaus im Stehen bedacht), Heike Habermann (die Landtagsabgeordnete will sich auf Wiesbaden konzentrieren), Dr. Ralph Baller, Ulla Hock, Jens Walter und Walter Pfeifer. Der Veteran soll sich über den für ihn vorgesehenen Listenplatz geärgert und deshalb seinen Abschied genommen haben.

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