Schmetterlingsführung durch die heimische Natur

Gänsemarsch durchs hohe Gras

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Schillernd: der Tagpfauenauge

Offenbach - Als habe er sie bestellt, flattern sie auf Augenhöhe umher: Tagfalter, wohin der sonnenbebrillte Blick fällt. Von Harald H. Richter

Diplombiologe Rolf Weyh freut sich, einer zehnköpfigen Gruppe Naturfreunde, die am Samstagvormittag die heimische Natur am Rande Biebers durchstreift, eine Vielzahl Schmetterlinge zeigen zu können. Im Gänsemarsch geht’s drei Stunden lang durchs hohe Gras, wo die Aufmerksamkeit zunächst dem dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling gilt, dessen selten gewordene Population noch in Gemarkungen westlich Hanaus anzutreffen ist. „Die Flügeloberseiten sind beim Weibchen dunkelbraun, beim Männchen dunkelblau mit breitem, schwarzgrauem Rand. Außerdem weisen sie noch schwarze Punkte auf“, erläutert Weyh, der mit dem Kescher ein weibliches Exemplar einfängt und es im Glas herum zeigt, um es nach kurzer Betrachtung wieder in die Freiheit zu entlassen.

Da die Art europaweit gefährdet ist, genießt sie besonderen Schutz. So ist auf den Grasflächen, wo der Wiesenknopf-Ameisenbläuling gesichtet wird, nur eine einschürige Mahd ab Anfang September erlaubt. Der Falter lebt an typischen Wiesenknopfstandorten. Das Besondere: Die Weibchen legen ihre Eier an die noch nicht aufgeblühten Köpfe des Wiesenknopfs. Die Raupen fressen die Blütenköpfe von innen auf, lassen sich nach einiger Zeit fallen und warten, bis ihre Wirtsameisen sie in deren Bau tragen. Dort fressen sie Ameisenlarven und überlassen den Krabbelinsekten im Gegenzug ein zuckerhaltiges Sekret. „Da die Raupen in der Lage sind, den Nestgeruch der Ameisen zu imitieren, werden sie von diesen wie die eigene Brut gepflegt, obwohl sie sich bis zur Verpuppung von deren Eiern und Larven ernähren.“ Nach dem Schlüpfen aus der Puppe muss der Schmetterling das Ameisennest jedoch verlassen, weil seine Tarnung nicht mehr funktioniert und er selbst zur Beute wird.

Angetan von der Artenvielfalt

Entlang des östlichen Untermains ist auch das rotbraune Ochsenauge verbreitet, das ansonsten rar geworden ist. Stummer Regieanweisung gleich, flattert auch dieser Tagfalter plötzlich über die Wiese nahe der S-Bahntrasse. Eine weitere Art, die dem aufmerksamen Auge nicht entgeht, ist der Schachbrettfalter – ein Schmetterling aus der Familie der Edelfalter. Dessen Flügeloberseiten sind schachbrettartig schwarz beziehungsweise dunkelbraun und weiß gefleckt. Der gleichen Familie entstammt der Braune Waldvogel, im Volksmund Schornsteinfeger genannt. Kurz darauf macht Weyh gleich mehrere Exemplare des Kaisermantels aus. Bei diesem handelt es sich um den mit mehr als sechs Zentimetern Flügelspannweite größten mitteleuropäischen Perlmutterfalter, dessen auffälligstes Charakteristikum drei schwarze Längsstreifen sind. Die Mitglieder der Gruppe sind angetan von der Artenvielfalt, die sie vorfinden. „Eine sehr ergiebige Wiese haben Sie für uns ausgewählt“, lautet denn auch das einhellige Lob.

Im hohen Gras einer Wiese nahe beim Germania-Clubheim nimmt die Exkursion ihren Anfang. Die Teilnehmer stoßen später auf seltene Schmetterlingarten.

Doch damit nicht genug. Entlang des Wäldchens geht die naturkundliche Tour in östliche Richtung weiter – von allerlei Vogelgezwitscher begleitet. Der typische Gesang der Mönchsgrasmücke lässt Weyh aufhorchen. Der aus flötenden Tönen bestehende Gesang des Vogels ist um diese Jahreszeit eher ungewöhnlich, denn er ist vor allem nach der Rückkehr aus dem Überwinterungsgebiet, mit dem Beginn der Balz lang und ausdauernd vernehmbar. Ab Mitte Juli ist er eigentlich nur noch selten zu hören. „Extra für uns gibt er wohl eine Zugabe.“ Weyh versteht es, seine Ausführungen um manche Kuriosität aus der Tier- und Pflanzenwelt anzureichern. Und so sind seine Exkursionen nicht als trockene Lehrausflüge zu begreifen, vielmehr liefern sie lebensnah eine Fülle von Eindrücken und Erkenntnissen.

Farbenprächtige Motive für Hobbyfotografen

Immer wieder hält die Gruppe auf ihrer Wanderung inne. Nicht nur wegen der Hitze, die allen den Schweiß auf die Stirn treibt, sondern auch wegen zahlreicher Fotomotive, die ein kurzes Unterbrechen lohnen. Kaum hat sich das Sommerlandkärtchen auf den Blüten des Jakobs-Greiskrauts niedergelassen, flattert unweit ein Exemplar des Tagpfauenauges vorüber. Der Schmetterling des Jahres 2009 gehört zu den schillerndsten Edelfaltern, ist er doch an seinen Flügelunterseiten unverkennbar marmoriert. Auffälligstes Merkmal sind die schwarzen sowie blau und gelb gefärbten Augenflecken. Den Amateurfotografen unter den Teilnehmern bietet sich ein weiteres farbenprächtiges Motiv. All das und manches mehr entgeht einem Naturkundler wie Weyh, der die Umwelt mit allen Sinnen wahrnimmt, nicht. Solche Wachheit für das, was sich unmittelbar um einen herum tut, wenn man nur genau genug hinschaut, macht sich die Gruppe zu Eigen. Vorbei an Schafgarbe, Blutweiderich und wilder Möhre, erblickt sie den Gitterspanner, gleich darauf macht auch noch der Wolfsmilchspanner seine Aufwartung.

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